Excusez-moi

Es gibt keine neuen Blogbeiträge und kaum Zeit für Vorträge außerhalb Leipzigs. Das liegt daran, dass ich an einem Sammelband namens Feministisch streiten arbeite, der im Frühjahr 2018 im Querverlag erscheint. Bis dahin bin ich mit meinem entstehenden Buch verheiratet. Neben Lohnarbeit, Repro und den nötigen Vergnügungen wie Disco, Kneipe, Plenum ist das eine anstrengende Lebensart. Aber auch eine befriedigende: Die theoretische Leidenschaft, links und rechts neben dem Laptop eine schlummernde Katze, ist nicht die schlechteste.

Zainab

Neben Wahida gibt es Zainab, die mich beschäftigt. Das Erste, was ich über Zainab erfuhr, waren die fassungslosen Worte meines Vorgesetzten: Die ist 24, und ihr ältestes Kind ist elf.
Dass Zainab mit zwölf, maximal dreizehn Jahren verheiratet wurde, ist tatsächlich eine Tatsache, über die ich dauerhaft nicht hinwegkomme. Sie sitzt in meinem Hinterkopf und begleitet alle Erlebnisse, die ich mit Zainab habe, und alles Nachdenken über sie.
Zainab kommt nicht, wie ich zuerst vermutet habe, aus einer armen ländlichen Gegend, in der es keine andere Versorgungsmöglichkeit für Töchter gegeben hätte, sondern aus Damaskus – derselben Stadt, wo ihre Banknachbarin Jura studiert und ein anderer Teilnehmer ausgezeichnet Englisch gelernt hat: ebenfalls an der Uni und motiviert durch seine Begeisterung für die Sängerin Adele.
Die Gleichzeitigkeit von Moderne und religiös-traditionalistischer Antimoderne, die es in der syrischen Vorkriegsgesellschaft anscheinend gegeben hat, ist nicht leicht zu verstehen. Beispielweise ist es verboten, Kinder zu schlagen (sofern es nicht die eigenen sind) – und doch erzählen sie, alle seien sie in der Schule geschlagen worden, für Aufmüpfigkeit und bloßes Unwissen und systematisch auf die vorderen Fingerglieder. Ähnlich verwirrend waren die Reaktionen, als ich das Wort „Kneipe“ erklärte. Einige riefen: Niemand trinkt Alkohol! Alkohol ist nicht Islam! Andere winkten ab: Doch, doch, sie trinken Alkohol, Männer und Frauen, normal.
Letztere Stimmen sind allerdings in der Minderzahl. Es gibt, das ist mein Eindruck, so etwas wie einen islamischen Konsens, dem öffentlich kaum jemand widerspricht, während die private Auslegung bei vielen dann doch etwas freier ist; und die paar Christen und Atheisten treten kaum als solche in Erscheinung. Gut sichtbar wird das jetzt im Ramadan. Es ist ein bisschen lustig, wie erstaunt die Leute sind, dass sie als Betende und Fastende plötzlich in der gesellschaftlichen Minderheit sind; und dass es für Irritationen sorgt, wenn sie Abwesenheiten, verpasste Termine und nicht gemachte Hausaufgaben damit begründen, dass sie aus religiösen Gründen einen geschlagenen Monat lang ihre körperlichen Grundbedürfnisse vernachlässigen. Nach drei Wochen Ramadan stehen auch wieder Tassen in der Spüle, und ein älterer kurdischer Teilnehmer erklärt mir ausführlich seine verschiedenen Zipperlein, die ihn vom Fasten abhalten, und holt sich eine Zigarette aus der Hemdtasche und wandert hinaus auf die sonnige, gottverlassene Terrasse. Mein Vorgesetzter, der schnell fassungslos ist, meint, die muslimische Janusköpfigkeit erinnere ihn an die DDR.
Zainab aber, scheint es, steht vollen Herzens hinter dem Ramadan und hinter Allah. Im Unterricht fallen ihr fast die Augen zu, weil sie trotz Hunger und Durst nach dem Unterricht nicht ruhen und sinnieren kann wie die Männer, sondern das abendliche Festmahl zubereiten muss; deshalb macht sie ihre Hausaufgaben in fliegender Hast noch im Kursraum. – Ihre frühe Eheschließung mag damit zu tun haben, dass sie vermutlich aus einer religiösen Familie kommt und diese Religiosität recht ungebrochen weiterführt. Ich glaube, Zainab ist nicht die Frau, die sich gegen grundsätzliche Dinge zur Wehr setzt. Sie klagt zuweilen und hat schlechte Laune; aber islamische Richtlinien bleiben doch so selbstverständlich wie der Deutschkurs, an dem sie eifrig und pflichtbewusst teilnimmt.
Einmal proklamierte ein Teilnehmer, der mit mangelnder Affektkontrolle zu kämpfen hat, mitten im Unterricht: Es gibt keinen Gott außer Allah – richtig?
Ja, der Satz ist richtig, mit Akkusativ. Aber das ist verschieden, ich sage zum Beispiel: Es gibt keinen Gott.
Abdullah sieht mich entgeistert an, ein Anderer ruft spontan: Nicht gut! Abdullah sammelt sich: Warum sind in Europa viele Menschen, die Gott verloren haben?
Alle Menschen streben nach Allah, sagt Zainab über ihr Handy hinweg, wo sie, vermute ich, das Verb nachgeschlagen hat. Ihre Stirn ist gerunzelt wie immer, wenn sie nicht mit mir einverstanden ist.

In Syrien liegt das offizielle Heiratsalter für Frauen bei 17, für Männer bei 18 Jahren – aber auch diese Gesetzgebung, scheint mir, existierte schon vor dem Krieg relativ abgekoppelt von der sozialen Realität. Der Staat reicht nicht in diese privaten Angelegenheiten herein; umso wichtiger sind familiäre Verhältnisse. Im Kurs betonte ich, dass das Heiratsalter in Deutschland ebenfalls bei 18 liege und nicht unterschritten werden dürfe; wie das in Syrien möglich gewesen sei? Und Zainab schmunzelte und rieb die Finger der linken Hand aneinander, das internationale Zeichen für den kleinen Geldfluss, der vieles möglich macht. Zu beachten ist dabei, dass sie, wie viele Frauen in den Kursen, kein eigenes Konto hat, ja nicht einmal Zugriff auf das Konto ihres Mannes. Auf meine – zurückhaltend geäußerte – Verwunderung sagte sie fast trotzig: Mein Mann gibt mir alles Geld, für Essen, für Einkaufen.
Was mich an Zainab beschäftigt, ist generell die Tatsache, dass sie ihre Lebensumstände, die doch objektiv scheiße sind, nicht ganztägig bejammert und verflucht. Sie spricht genervt, aber auch mit Wärme und Stolz von ihren vier Kindern, allesamt Mädchen. Das schließt nicht aus, dass sie gern einmal ohne Familie Urlaub machen würde: in Hamburg, sagt sie, und sie würde im Zelt schlafen, weil das billiger wäre, und auf der Straße tanzen … Dann lacht sie über diese unmögliche Vorstellung.
Zainab trägt ein Kopftuch, ein strenges mit Untertuch, aber es ist pink oder türkis und Teil ausgeklügelter Farbensembles mit langärmligen Kleidern, Hosen, bunten Ballerinas, Lidschatten und Schmuck. Ihr Mann, den ich nur einmal schemenhaft gesehen habe, ist vielleicht zehn Jahre älter, und er hütet die Kinder, wenn Zainab im Kurs ist: Mein Mann sagt, ich soll gut Deutsch lernen.
Dass Zainab die Schule nach der sechsten Klasse verlassen hat, um zu heiraten, macht sich im Deutschkurs bemerkbar. Wie Wahida fällt ihr das Lernen nicht leicht – obwohl sie noch keinen Tag gefehlt hat und die Ungerechtigkeit, dass viel lernen nicht immer zum Erfolg führt, ihr schwer zu schaffen macht. Seit wir das deutsche Notensystem besprochen haben, will sie Noten von mir haben, Einser natürlich, und ist außer sich, wenn es nur zu einer Vier gereicht hat.
Zainab ist eine sehr präsente Zutat des Kurses, ihre wechselnden Stimmungen schwappen leicht auf die Anderen über. Vor einer Weile haben wir uns auf die Regel geeinigt „Der Kurs spricht 80% Deutsch“ – nach zähen Verhandlungen, die besonders von den persisch- und somalischsprachigen Teilnehmern unterstützt wurden. Zainab weigerte sich, die Abmachung zu unterschreiben. Zu gerne führt sie lange und emotionsgeladene Reden auf Arabisch, vermutlich des Inhalts, dass ja kein Mensch verstehe, was die Lehrerin – ich – da Komisches erkläre. Wenn ich sie dann bitte, mir ihr Problem zu erläutern, lehnt sich Zainab zurück, verschränkt die Arme und schaut mich finster an: Ich verstehe nicht. Manchmal legt sie auch den Kopf auf die Arme und reagiert nicht mehr. Dann sehe ich in ihr die überforderte Zwölfjährige, die von der Schule gegangen ist. Es wäre kein Wunder, wenn neben den Anforderungen von Ehe und Mutterschaft kein Platz geblieben wäre, um geistig zu reifen. Ich denke an die harte Zeit im Libanon, von der sie erzählte, wo sie keinerlei Einkünfte gehabt hätten, und wie sie schließlich mit ihrem Mann, an jeder Hand eine Tochter, die deutsche Grenze überschritten habe. Die zwölfjährige, vierundzwanzigjährige Zainab rührt und ärgert mich.
Einmal schnitt sie in einem kleinen Test schlecht ab und tupfte sich mit einem Taschentuch im Gesicht herum, um die Tränen zu tilgen, ohne dabei das Make-up zu beschädigen. Nach dem Unterricht ging ich zu ihr und wiederholte, dass es kein Problem sei, einmal nicht gut verstanden zu haben; das ginge allen so und wir würden die Grammatik am nächsten Tag wiederholen. Zainab sah mich anklagend an: Ich lerne jeden Tag. Bitte, sehen Sie. – Und sie zeigte mir die verschiedenen Deutschlern-Apps auf ihrem Handy. Ich sah ihr Hintergrundbild: ein Zainab-Selfie, die freie Hand im wallenden braunen Haar, und mit einem Gesichtsausdruck zwischen naiv und lasziv.
Auf der anderen Seite ist sie von einer lebens- und lachlustigen Sekretärinnenhaftigkeit und leicht zum Lachen zu bringen; manchmal muss ich mich bremsen, es nicht allzu sehr zum Ziel meines Unterrichts zu machen, Zainab bei Laune zu halten. Als versierte Pädagogin spreche ich ab und zu arabische, persische und somalische Übersetzungen nach, die die Teilnehmer einander zurufen. Es dient der Relativierung, dass ich natürlich nur im Deutschen die einzige kompetente Sprecherin im Raum bin; und es dient der Auflockerung, wenn sie dann über meine gräulich falsche Aussprache lachen und mir auf die Schnelle Kehllaute beibringen wollen. – Eines Tages hielt es Abdullah nicht mehr an seinem Platz, er sprang auf und begann, das arabische Alphabet an die Tafel zu schreiben. Sagen Sie: alif, ba, ta … Ich ließ mich darauf ein, und Zainab kicherte vergnügt, die beringte Hand vorm Mund,  wie ich alles durcheinanderbrachte.
Nachrichten schaut sie nicht. Wenn ich den Kurs auffordere, sich bis zum nächsten Tag die Tagesschau anzusehen und ein paar Notizen zu machen, hebt Zainab die Hände; schlecht, immer schlecht, sagt sie. Weil sie Zainab ist, ignoriert sie dann meine Hausaufgaben als Zumutung.

Stückchen II

Mein schwarzes Kätzchen Mia kotzt meistens nachts. Neulich bin ich davon aufgewacht, dass Mia zwischen den katzentypischen Würgegeräuschen plötzlich mit menschlicher Stimme „Kim!“ sagte – sicherlich nicht für meine Ohren bestimmt. Jetzt kenne ich also den Namen der Vorbesitzerin (oder des Vorbesitzers?). Und ich habe den Beweis, dass Katzen nicht nur heimlich vernunftfähig, sondern auch sprachbegabt sind, und sentimentale Viecher sowieso.

Neben mir im Bus die Schülerin, fassungslosen Blicks, dass jemand freiwillig Gedichte liest.

Komisch eigentlich, dass man sich so selten eine Tasse Kaffee über den Laptop schüttet; und komisch, wie fassungslos man ist, wenn es dann doch geschieht. – Abgesehen von der Tastatur sei alles rettbar, beschwichtigt mich ein Computermann mit Mittelscheitel. Aufgeschraubt in seinem Laden offenbart der Laptop alle guten Dinge in meinem Leben: leicht in Unordnung geratene Hirnzellen, Kaffeeduft und jede Taste in einem weichen Bett aus Katzenhaaren.

Frauentag im Integrationskurs: „Die Blumen sollte aber schon der Mann bringen“, sprach der Chef und hechtete auf die Teilnehmerinnen meines Kurses zu, die teils schwankten, ob sie das Röschen annehmen sollten – denn, Zitat Chef, „die mit ihrem Patriarchat“ sind eben etwas verhalten. Ferrero Rocher, Plundergebäck in der Mittagspause und ein Abwasch von Männerhand lösen in mir eine am Arbeitsplatz seltene Vergnügtheit aus. War nicht alles schlecht in der Zone.

Wahida

Die Deutschen brauchen ihre Flüchtlinge mehr als die Flüchtlinge die Deutschen, behauptet Tuvia Tenenbom. Vielleicht hat er Recht; auf mich trifft es jedenfalls zu. Integrationskurse zu unterrichten, setzt mich in ein irgendwie handhabbares Verhältnis zur politischen Realität: Eine Sache, die ich zum Nutzen der Gestrandeten gut tun kann, ist die Vermittlung deutscher Grammatik. Außerdem wird es nicht schlecht bezahlt.
In einem meiner Kurse habe ich Wahida kennen gelernt. Wahida ist 42, Afghanin und hat, bevor sie vor einem Jahr mit Mann und vier Kindern nach Deutschland gekommen ist, zwanzig Jahre im Iran gelebt. Jetzt wohnt sie in Weißenfels, genauer, im Plattenbauviertel Südring, wozu sie nur sagt: Ist schön, ist gut, aber Teheran – zwölf Millionen, und jetzt Weißenfels.
Mir fiel erst nach einer Weile auf, dass ihr Kopftuch sehr locker sitzt, es lässt den Haaransatz frei und ist aus dünnem Flatterstoff, ein rhetorisches Kopftuch sozusagen. Farid, ihr Mann, mit dem sie anfangs im selben Kurs war, erzählte einmal, sie seien evangelische Christen. Auf die neugierige Frage, warum sie dann ein Kopftuch trage, zuckt Wahida die Schultern und sagt nebenher: Kalt in Deutschland. Ich kann nur rätseln, wie stark der Anpassungsdruck, sich zu verschleiern, nach zwanzig Jahren im islamischen Regime noch ist – und vielleicht heute fortwirkt in der Weißenfelser Community aus syrischen, afghanischen und somalischen Flüchtlingen, die deutlich muslimisch geprägt ist. Ich habe auch nicht herausgefunden, warum sie aus dem Iran weggegangen sind. Farid schüttelt nur den Kopf und sagt, nein, nicht gut im Iran. – Zum geblümten Kopftuch trägt Wahida blaue, braune und grüne Pullis und eine bunte Kittelschürze und ist im Ganzen eine forsche, einnehmende Erscheinung, die es mit der Welt aufnehmen kann.
Ich weiß nicht, wie Wahida und ihre Familie nach Deutschland gekommen sind. Oft scheue ich mich vor persönlichen Fragen, weil die Geschichten so arg sind, jede einzelne eigentlich. Das fängt an mit dem Thema Gestrandete. Als wir über Verkehrsmittel sprachen und ich Wörter wie Flugzeug, Zug, Schiff, Boot an die Tafel schrieb, lächelte der Kurs fast nachsichtig und sagte: Alle sind mit dem Boot gekommen. Altes Boot, kleines Boot, keine Toten, Alhamdulillah. Danach seien Einige gelaufen, ein paar mit Bussen gefahren; einer erwähnte ein Fahrrad, auf dem er den Balkan durchquert habe. Eine Teilnehmerin zeigte ihre Hände: Sie seien bei München über die Grenze gelaufen, sie und ihr Mann, an jeder Hand ein Kind. – Es wird seltsam in meinem Kopf, wenn ich darüber nachdenke, was die Leute, jeder für sich, Furchtbares hinter sich haben müssen und noch erleben, am eigenen Leib sowie durch ihre Verwandten und Freunde in Syrien und Afghanistan. Aber nur wenige erzählen ab und zu von Fassbomben und der katastrophalen Versorgungslage in Damaskus und äußern Hass auf Russland und den Iran. Als im Lehrbuch das Wort hassen vorkam, schrieb ich es an die Tafel und fragte: Sagen Sie ein Beispiel – was hassen Sie?, und aus der letzten Reihe trompetete eine: Ich hasse die Taliban! Wahida gehörte zur Mehrheit, die den Kopf schüttelten und sagten, es sei falsch zu hassen.
Es gab ein langes Hin und Her, bevor die Familie aus der Gemeinschaftsunterkunft in den Südring gezogen war. Auf meine Frage, ob sie mit der neuen Wohnung zufrieden wäre, nickte Wahida: Jede Person ein Zimmer! Ich dachte an Virginia Woolf und fragte voll Erwartung: Und Sie, haben Sie auch ein Zimmer für sich? Wahida schmunzelte und sagte: Nein, ich nein. Farid und ich – eine Person. Aber ist schön, ist gut.

Ich glaube, ich bin als Deutschlehrerin am richtigen Platz. Es ist das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zu den Menschen, mit denen ich beruflich zu tun habe. Ich unterrichte und helfe meinen Kursteilnehmern mit dem unendlichen bürokratischen Zeug. Ich hege ihnen gegenüber ein sozialarbeiterisches Mitgefühl und sozialarbeiterische Sympathie: eine Art verdinglichte Nächstenliebe, mit der ich nicht nur gut leben kann, sondern die mir auch viel gibt. Aber es ist ganz klar die Sprachvermittlung, weswegen ich mit ihnen zusammenkomme und wofür ich bezahlt werde; an dieser konkreten Sache halte ich mich fest. Auch für meine Schüler sind die täglichen vier Stunden Deutschunterricht vielleicht der greifbarste Ansatzpunkt, den sie in ihrem deutschen Alltag haben – verdonnert vom Jobcenter. In verschiedenen Stadien seelischer und manchmal auch körperlicher Beschädigung kommen sie zum Kurs, unterm Arm ihr Lehrbuch mit fröhlichen blonden Menschen drauf; und ich schimpfe über vergessene Hausaufgaben und lobe richtig gebaute Sätze und frage, ob es mit dem Internetanschluss geklappt hat; und genieße die Freundlichkeit und Dankbarkeit für „meine Lehrerin Koschka“, die sich teils in Leckereien äußert.
Wenn ich dann nach Hause fahre, fühle ich mich ein Stückweit befreit von der politischen Verantwortung für diese grässliche Welt. Ich habe mein Scherflein getan und mein Herz von allzu persönlicher Verwicklung frei gehalten. Schnitt; der Rest des Tages kann beginnen. Am liebsten würde ich gar nicht viel über meine Lehrtätigkeit schreiben, weil sie ja Lohnarbeit ist: die wirtschaftliche Grundlage für mein Schreiben, nicht dessen Anlass und Gegenstand. Und ich brauche den starken Schnitt zwischen Lohnarbeit und Literatur, um nicht nur mein Herz, sondern auch einen Teil meines Kopfes zum Schreiben frei zu halten. Meine Arbeitskraft zwischen Lohnarbeit, Literatur und Politik dreizuteilen – ein irgendwie gangbares Gleichgewicht der Dinge herzustellen: Das ist der alltägliche Kampf.
Trotzdem gehen mir einige Weißenfelser Erlebnisse nahe. Es kann gar nicht anders sein: Es handelt sich um meine Lebensrealität, meine Erfahrung, die bearbeitet und eingeordnet werden muss, also gar nicht umhin kommt, Anlass und Gegenstand meines Schreibens zu sein. Und diese Lohnarbeitsrealität ist nicht nur belastend, sondern auch befriedigend, auf unmittelbarere Weise als intellektuelle Arbeit. Oft ist sie auch lustig und ich besteige mit großer Vergnügtheit den Bus nach Hause. Das war an dem Tag der Fall, als die Frage „Was sind Ihre Hobbys?“ die anmutige Aufzählung hervorgebracht hatte: Koran, Fitness, Shakira, Kurdistan, Gazellen jagen. Eine solche Aufzählung dreht sich in meinem Kopf und formt sich zur Tagebuchnotiz und zum Anekdötchen, und ich lache vor mich hin, angetan vom Reiz des Anderen … Gleichzeitig muss ich durchdenken und formulieren, was manchmal bitter ist: dass auch ich für meine Schüler die Andere bin, die allein lebende Frau aus dem fernen Leipzig mit ihrer Herrenfrisur und ihrem hochgezogenen Knie am Lehrertisch, und die von ihren Katzen spricht, als wären es Kinder. Ich weiß, dass sie mir gegenüber eine bestimmte Maske nicht ablegen und mir nach dem Mund reden, wenn sie nicken, jaja, natürlich sei es verboten, Kinder zu schlagen. Und dabei wissen sie nicht, dass ich lesbisch bin und Israel gut finde. Dass ich beide Themen meide, ist meine Maske der Vorsicht und des Misstrauens.

Hingegen Wahida: Sie will nichts so sehr wie ein normales Leben mit schöner Wohnung, Klassenfahrten für die Kinder und einem Job im Supermarkt. Sie scheint zu ahnen, dass Farid, Mitte fünfzig und einst Kung-Fu-Meister, heute ein eher behäbiger Typ, beruflich vielleicht nicht wieder Fuß fassen wird. Manchmal fragt sie mich im Vertrauen: Farid – ist gut? Nicht gut? Wahida selbst ist energiegeladen und voll Anteilnahme gegenüber Lehrkräften und den anderen Teilnehmern; und auch im Gespräch mit ihren meist arabischsprachigen Mitschülern kämpft sie sich so beflissen wie notgedrungen durchs Deutsche. Gleich in der ersten Stunde fragte sie, noch halb pantomimisch, wie sie ihren Nachbarn nach dem Befinden seiner kranken Mutter fragen könne. Ich übte mit ihr die Wendung „Wie geht es Ihrer Mutter?“, und als ich mich ein paar Tage später erkundigte, wie das Gespräch gelaufen war, sprach Wahida mit lebhaften Gesten des Bedauerns: Tut, tut! Alles tut! – und ich kapierte erst nicht, dass die alte Dame gestorben war. Wahida und Farid sind dann sogar zur Beerdigung gegangen.
Ich habe lange nicht bemerkt, dass Wahida das Deutschlernen auch deshalb so schwer fällt, weil sie nicht richtig lesen kann. Wochenlang saß sie mit Farid über das gemeinsame Lehrbuch gebeugt, der seinerseits im Lückentext mehr mit Glückstreffern punktete als mit Lernerfolgen, und beider Zeigefinger und Bleistiftspitzen hielten ängstlich die Zeile fest. Wahida stand der Schweiß auf der Stirn und Farid nickte bei jeder Frage und rückte an seiner silbernen Brille. Einmal sagte er so gravitätisch, dass ich zwischen Lachen und Scham schwankte: Mein Lieblingsbuch ist das Deutschbuch. – Ein andermal sprach ich über Vergangenheitsformen und fragte: Sie sind in Weißenfels. Wo waren Sie vor zehn Jahren? Die Teilnehmer antworteten nacheinander: Ich war in Syrien, in Aleppo, in Latakia; dann kam Wahida an die Reihe, die das Geschehen mit gerunzelter Stirn verfolgte hatte, und sagte mit Loriot’schem Ernst: Ich bin zweiundvierzig Jahre alt.
Als immer klarer wurde, dass Wahida den Stoff nicht recht bewältigen kann, habe ich mir aus den langen, immer neuen Gesprächsversuchen mit Wahida und Farid, die wahrscheinlich für alle Beteiligten etwas mühevoll waren, diesen Gang der Dinge zusammengesetzt: Wahida ist nicht zur Schule gegangen. Der Weg zur Mädchenschule, die sie anfangs besuchte, war nicht sicher; deshalb behielten die Eltern Wahida und ihre sieben Schwestern lieber zu Hause. Die arabischen Buchstaben hat sie sich aus Heften und Büchern selbst beigebracht. Dass die lateinischen Buchstaben und das Lesen von Sätzen und kleinen Texten völlig neu für sie sind, scheint im Einstufungstest nicht aufgefallen zu sein.
Wie bei den meisten Paaren, mit denen ich zu tun habe, ist bei ihnen der Mann für alles Schriftliche zuständig. Dass Farid fließend Persisch lesen und schreiben kann, bewundert Wahida sehr – umso anrührender, als auch Farids Kampf um die deutsche Sprache kein leichter ist. Viele meiner Aufgabenstellungen zogen lautes panisches Flüstern vonseiten des Ehepaars nach sich; und allzu oft gab Farids Bleistiftspitze nachdrücklich die Antwort vor. Wahida war die einzige Frau im Kurs, und so war es ohnehin eine Kavalierssache, dass ein Großteil des restlichen Kurses ihr die richtige Antwort entgegen gerufen, geflüstert, gezischt hat. Einmal hat Wahida mir anvertraut, dass sie schlimmes Herzklopfen und Augenzucken bekomme, wenn ich sie aufrufe; ich war sehr getroffen.
Nach einer Weile ist Wahida in einen Alphabetisierungskurs gewechselt. Strahlend marschierte sie mit ihrem ABC-Buch zum neuen Kurs, wo sie nun in der ersten Reihe sitzt und absolutes Engagement fordert – von ihrer Lehrerin wie von den anderen Teilnehmern. Die Kollegin, die den Alphakurs unterrichtet, erzählt, wenn zu viel geschwatzt und Unsinn getrieben wird, drehe Wahida sich um und sage gebieterisch: Wir lernen hier!
In der Pause kommt sie oft zu mir und wir schütteln einander die Hände. Ist Ihr Kurs gut, Wahida? – Ja, ist gut. Aber schwer, schwer!
Manchmal wirkt sie erschöpft: Es seien doch sehr viele Treppen bis zur neuen Wohnung im vierten Stock. Und Farid sagt, oh, Wahida immer lernen, Deutschbuch, Fernsehen, Frauencafé, ganzen Tag! Aber schwer, sehr schwer. – Die neue Lehrerin möge sie im Unterricht häufiger aufrufen, damit sie besser lerne. Sie wäre so gerne bald Verkäuferin im Supermarkt.

Noch einmal Marseille

Erst ein paar Wochen nach unserer Heimkehr fiel mir auf, dass Der Vulkan von Klaus Mann ein sehr schöner Kontrapunkt zu Transit ist. Im Gegensatz zu Anna Seghers ist Klaus Mann eine alte Jugendliebe von mir. Mit achtzehn habe ich im Tschaikowsky-Roman Symphonie Pathétique meinen Weltekel und den Schmerz ums Anderssein wiedergefunden. Tschaikowsky ist so inzestuös wie hoffnungslos in seinen Neffen Bob verliebt und ansonsten recht ängstlich und verdrossen über den Lauf der Welt, die er mit anmutigen Ballettkompositionen beglückt. Außerhalb der Musik sind in ihr Schönheit und Erfüllung nicht zu haben; daher kann Peter Iljitsch gleich im Bett liegen bleiben und heiße Schokolade trinken. Recht hat er, fand ich damals, die Mühen von Abitur und Studienwahl vor Augen.
Der große Reiz der Zeitromane Mephisto, Treffpunkt im Unendlichen und Der Vulkan erschloss sich mir erst später. Zu diesem Reiz gehört, dass auch der explizit antifaschistische Geist dieser Bücher gepaart ist mit der Klaus Mann‘schen „Zärtlichkeit für die Kreatur“, wie es im Vulkan heißt. Klaus Manns Prosa ist nicht kühl und glasklar, sie ist viel weicher als die von Anna Seghers, ja ein wenig geschwätzig; und er liebt seine Figuren nicht trotz, sondern gerade in ihrer moralischen Schwäche und gesellschaftlich festgeschriebenen Unzulänglichkeit. Der Nazismus und das Exil, in das er sie getrieben hat, ist ihr gemeinsames Unglück, aber bei Weitem nicht ihr einziges: An die Stelle des heteropatriarchalen Taugenichts aus Transit treten „lauter Schwule und Morphinisten!“ – so kommentierte ein Zeitgenosse Klaus Manns etwas verstört den Vulkan.
Der Roman porträtiert die deutsche Emigration vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und spielt zumindest teilweise in Marseille. Die Emigrantinnen und Emigranten sind eine bunte Mischung aus politischer, künstlerischer und moralischer Opposition, auch einige Juden sind darunter. Zu Beginn sitzen alle in verschiedenen Zusammensetzungen in der Kneipe und lernen einander kennen: „Da der freundliche Bernheim so freigebig die Getränke spendierte, wurde die Unterhaltung an seinem Tisch immer lebhafter. Zwei jüngere Journalisten, die mit ihren großen runden Brillengläsern und den hackenden Bewegungen ihrer schmalen Köpfe einem Paar von seltsamen, nicht ungefährlichen Vögeln glichen, brachten eine ernste Dame mit, deren schneeweiß geschminktes, starres und schönes Gesicht von undefinierbarem Alter war. Die Dame hieß Fräulein Sirowitsch und erklärte düster: ‚Ich übersetze Schopenhauer ins Französische.‘ Die beiden Journalisten mit den Vogelhäuptern erklärten, daß sie im Begriffe seien, eine deutsche Tageszeitung in Paris aufzumachen: ‚So was brauchen wir jetzt!‘ riefen sie siegesgewiß, wie aus einem Munde, und alle am Tisch gaben ihnen recht. Nur Herr Bernheim wollte nicht recht hinhören; er war zwar von Herzen gerne dazu bereit, in großem Stil Erfrischungen zu bezahlen; aber ihm graute doch ein wenig davor, gleich eine Tageszeitung zu finanzieren.“
Angesichts der Tatsache, dass von den beiden Journalisten nie wieder die Rede sein wird, wirkt die expressive Schönheit dieser Schilderung etwas verschwendet. Aber gerade die verschwenderische Hingabe, die zart ironische Liebe zu denen mit den großen Rosinen im Kopf kennzeichnen Klaus Manns Schreiben aufs Schönste. Sie zeigt sich auch in seiner sorgfältigen Literarisierung enger Freundinnen und Freunde (längst identifiziert von tüchtigen Germanisten) und der Schwester Erika. Dabei sind seine weiblichen Figuren so liebevoll und differenziert gezeichnet wie die männlichen – manchmal sogar noch sorgfältiger, denn Klaus Mann kennt den alten Trick schwuler Schriftsteller, das Begehren von Männern aus einer vordergründig weiblichen Perspektive zu beschreiben. Überdies ist Der Vulkan voll von sehr direkten autobiographischen Bezügen auf Klaus Manns Homosexualität, sein Schriftstellertum und seine jahrzehntelange Drogensucht. So geht der Dichter Martin Korella in der Mitte des Romans am Heroin zugrunde, ohne seinen großangelegten Roman über die Emigration geschrieben zu haben. Sein Geliebter, der bis dahin noch etwas richtungslose Junge Kikjou, macht es sich zur Aufgabe, das Projekt zu vollenden.
In der Autobiographie Kind dieser Zeit von 1932 spricht Klaus Mann von seinem Verständnis der Literatur als eines Schreibens über sich selbst: „jener eingeborene Exhibitionismus, der fast unvermeidbar mit dem Phänomen der künstlerischen Begabung – oder auch nur mit dem Trieb zur artistischen Sich-selbst-Darstellung – zusammenhängt; die tiefe Lust jedes artistischen Menschen am Skandal, an der Selbstenthüllung; die Manie, zu beichten – wem es auch immer sei –.“ Der Drang zur Selbstdarstellung ist es wohl, der seinen dichterischen Zugang am deutlichsten von demjenigen der Seghers unterscheidet. Während Seghers‘ persönliche Erlebnisse in ihren Werken nur stark selektiert und stilisiert auftauchen, werden sie bei Klaus Mann recht unmittelbar in Literatur gegossen.
Allerdings wird das Judentum, wie in Transit und Das siebte Kreuz, auch bei Klaus Mann durchgängig ausgeklammert; wenngleich auf andere Weise. Während Seghers ihren jüdischen Glauben sehr bewusst zugunsten der kommunistischen Gesinnung ablegte, findet sich bei Klaus Mann weder in den autobiographischen Schriften noch in den Romanen eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Judentum – das doch während der Nazizeit mit der krassesten Vernichtungsdrohung verbunden war. Zwar gehören zum Panorama der Verfolgten, das Der Vulkan zeichnet, die Juden David Deutsch, die Familie von Kammer und der Professor Benjamin Abel; doch deren Judentum wird eher distanziert erwähnt als ausführlich geschildert. Der verkopfte Soziologe David Deutsch ist eine Nebenfigur, die verhältnismäßig wenig zur Identifikation einlädt; und das detaillierte Porträt der antifaschistischen Schauspielerin Marion von Kammer und ihrer tragisch scheiternden Schwester bezieht deren jüdische Herkunft kaum ein. Sie wird nur anfangs als einer von mehreren Fluchtgründen genannt, als große Ungerechtigkeit der Nazis; die Figuren reflektieren und sprechen nicht darüber, was es für sie bedeutet, jüdisch zu sein oder als Jüdin gebrandmarkt zu werden. Klaus Mann ist zu dem Thema Judentum auf Abstand geblieben, seine Haltung dazu bewegt sich auf der Ebene humanistischen Abscheus gegenüber dem Antisemitismus der Nazis. Während also bei Seghers einfach keine Juden vorkommen, firmieren sie bei Klaus Mann als Angehörige einer äußerlichen, nicht weiter interessanten Kategorie, die der Vollständigkeit halber aufgeführt wird. Als Literat sah er sich in der politischen und intellektuellen Opposition, auch als Schwuler; aber die antisemitische Vernichtungsdrohung bezog er nicht auf sich. Wer könnte es ihm übel nehmen?
Beide Schriftsteller eint jedoch die sehr ernst genommene Verantwortung der Zeitgenossenschaft. Wie Anna Seghers ihren Transit, schreibt Klaus Mann den 1939 erschienen Vulkan aus der unmittelbaren Gegenwart heraus; er ist dem Geschehen im Roman höchstens ein, zwei Jahre voraus. Was für eine schreckliche Vorstellung: im Angesicht des Faschismus leben und schriftstellerisch mit ihm befasst sein!

Klaus Manns Gegnerschaft zu den Nazis speist sich nicht aus einer soliden kommunistischen Haltung. Er ist Ästhet und Humanist; sein Sozialismus wie seine Religiosität sind ungebunden an Organisationen und an Theorien. Das passt zu einer Erzählperspektive, die nicht allein den (künftigen) Kommunisten, sondern auch den Perversen auf der Flucht zeigt und beiden reichlich Mitgefühl, aber auch Situationskomik angedeihen lässt. Als Jugendliche, noch ohne politischen Bezugsrahmen, befand ich das für den Gipfel geistiger Freiheit.
Mittlerweile erscheint es mir nicht mehr so absurd, einem Parteiprogramm verpflichtet zu sein, wenn die Zeiten es gebieten, und diese Gebundenheit im literarischen Schreiben zu reflektieren. Der Halt, den Seghers in der kommunistischen Partei fand, schlägt sich in der Gezügeltheit, der Strenge ihrer Prosa nieder, die konträr zu Klaus Manns Plauderton steht. Seine Botschaft der Liebe und des Mitgefühls ist herzerwärmend, hat aber auch etwas nicht zu Ende Gedachtes, unangenehm Ausuferndes: inhaltlich wie formal. Ein schlagendes Argument gegen den schwärmerischen Freigeist ist der „Engel der Heimatlosen“, der am Ende des Vulkans herbeiflattert, rhetorisch gewandt den Nazismus als „kosmische Blamage“ der Menschheit denunziert und den nunmehr dichterisch beseelten Jungen Kikjou auf seine Schwingen bettet. Dieser Engel hat über die Jahrzehnte manch wackere antifaschistische Leserin verstört; wobei dies Verstörende fast schon wieder sympathisch ist. Aber er wäre einfach nicht nötig gewesen, der Engel. Die 500-seitige Schilderung der Emigrantenschicksale ist Zeugnis und moralische Anklage genug.
Die Notwendigkeit, dem eigenen Schreiben einen außenweltlichen Bezugsrahmen zu geben, hat Thomas Mann (verzeih mir, Klaus!) einmal so ausgedrückt: „Ich habe geruht, mir eine Verfassung zu geben.“ In seinem Fall bezog es sich auf die Eheschließung. Ähnliches – wenn auch ohne das majestätische Pathos – ist von den Schriftstellerinnen Anna Seghers und Christa Wolf bekannt. Über eine stabile Ehe mit einem intellektuellen, ihre Arbeit unterstützenden Mann sowie eine tragfähige politische Überzeugung schufen sie sich geordnete Verhältnisse, in denen sie schreiben konnten. Es gibt eine Art Künstlertum, glaube ich, die eine solche Richtungsgebung, Maßgabe, vielleicht Rückversicherung benötigt, um sich innerhalb dieser spürbaren Grenzen zu entfalten, ja die ihre Freiheit im Auskundschaften dieser Grenzen sieht. Anna Seghers etwa, die sich zu James Joyce und Kafka bekannte, ließ sich in ihrer späteren Karriere als Staatsschriftstellerin der DDR von den Vorgaben des Sozialistischen Realismus beschneiden – um den Preis einiger schlechter Bücher.
Solche Verhältnisse waren Klaus Mann nicht möglich; er ist auf seine eigene Weise vogelfrei. Das möchte ich trotz Ehe- und Parteilosigkeit nicht sein. Mein weltanschauliches Gerüst, mein Bekenntnis sind der Feminismus und der Materialismus, denen ich mich seit vielen Jahren verpflichtet fühle. Was das bedeutet, muss ich nicht nur anhand der politischen Situation, sondern auch in jedem literarischen Text, in jeder Figur immer wieder erforschen und erfinden. Es gehört zur Aufgabe, dabei im Sinne Klaus Manns die Liebe und das Mitgefühl zu den Einzelnen, den Wunderlichen und Bedrängten nicht preiszugeben.

Zweimal Marseille

Im schönen, schönen Marseille habe ich Transit von Anna Seghers gelesen. Es hat mir die Seghers näher gebracht, vor allem, weil Marseille darin treffend wiedergegeben ist: das Getümmel, die vielen Menschen mit ihren Plänen und labyrinthischen Hoffnungen, die Unbarmherzigkeit ihrer Schicksale; das Glücksversprechen des Hafens, Sonne und Mittelmeer und die Schärfe des Mistral. Zu Schulzeiten hat mich Das siebte Kreuz ziemlich gelangweilt – ich glaube, weil mich schon damals die ungebrochen männliche Perspektive von Seghers‘ Schreiben störte. Es ist nicht, dass ich als Autorin, zumal als feministische, es ablehnen würde, männliche Protagonisten zu entwerfen; auch frauenverachtende Idioten dürfen darunter sein. Aber es stört mich, dass Seghers ihre Protagonisten völlig ungebrochen männlich gestaltet: Als exemplarische Schicksale von Deutschen, die vor den Nazis fliehen, sind sie geschlechtsneutral angelegt, ihre Männlichkeit ist kein Thema. Vielmehr bedient sich Seghers der alten patriarchalen Gleichsetzung von Mann und Mensch; das macht die Erzählperspektive überdeutlich männlich. Seghers‘ Romane würden wohl allesamt durch den Bechdel-Test fallen: Es kommt einfach nicht vor, dass mindestens zwei Frauen miteinander sprechen, und dann noch über etwas anderes als über Männer. Das einzige Verhältnis, das zwischen Nadine, der Geliebten des Protagonisten von Transit, und Claudine, der Frau seines Gastgebers Georg Binnet, möglich ist, wird kurzerhand so umrissen: „Binnet und ich hatten immer viel Spaß an unseren Frauen, von denen die eine so hell war wie die andere dunkel. Die Frauen aber waren eifersüchtig und konnten sich nicht leiden.“
Ich habe Bekannte oft kritisieren hören, dass der Bechdel-Test, den die Comiczeichnerin Alison Bechdel zur Beurteilung von Filmen entwarf, eine ziemlich platte Sache wäre; aber mir scheint, das Patriarchat äußert sich recht oft in platten Sachverhalten. Einer besteht darin, dass Frauen in Kunstwerken fast nur in Relation zu Männern vorkommen, vorzugsweise als deren libidinöse Objekte. Auch der namenlose, in Marseille gestrandete Held aus Transit hat diesen Blick auf Frauen und keinen weiteren. Sie gelten ihm noch in ihren härtesten und konfliktreichsten Stunden ausschließlich als begehrenswert oder nicht begehrenswert. Die manische Getriebenheit seiner zweiten Geliebten Marie, in die er sehr verliebt ist, interessiert ihn nur insofern, als sie ihn daran hindert, Marie näher zu kommen. Anna Seghers‘ verdinglichendes Verhältnis zu ihren weiblichen Nebenfiguren lässt sich in einem einzigen Satz ihrer wunderbar klaren Prosa zusammenfassen, in der der Protagonist seine Situation überblickt: „Ich hatte nur diese eine Jugend, und sie ging daneben. Sie verflüchtigte sich in den Konzentrationslagern und auf den Landstraßen, in den öden Hotelzimmern bei den ungeliebtesten Mädchen und vielleicht noch auf Pfirsichfarmen, wo man mich höchstens duldete.“
Durchs herbstliche Marseille flanierend, lasen wir George Sand und sprachen darüber, warum Anna Seghers – anders als der Sand hundert Jahre zuvor – ihre Situation als Frau kaum literaturfähig gewesen zu sein scheint. Als sie 1940 in die Transitstadt Marseille kam, muss es für eine alleinreisende Frau mit zwei Kindern unvergleichlich viel härter gewesen sein, sich durchzuschlagen, als für einen jungen, bindungslosen Mann. Abgesehen von den üblichen Schwierigkeiten, sich im Literaturbetrieb als Frau mit Frauenthemen durchzusetzen, hängt ihre Entscheidung für die männliche Erzähl-perspektive vielleicht damit zusammen, dass Seghers sich stets als kommunistische Künstlerin verstand. Laut der marxistischen These vom Nebenwiderspruch hat die kommunistische Umwälzung der Verhältnisse Vorrang vor dem Kampf gegen die Frauenunterdrückung. Da Seghers den Kommunismus nach sowjetischem Vorbild als einzige vernünftige Alternative zum Faschismus ansah, nimmt es nicht wunder, dass ihr Schreiben während der Nazizeit dieser These entsprach. Es wäre ihr wohl nicht möglich gewesen, auf der chaotischen Flucht durch das auseinanderbrechende Frankreich die Schwachstellen der eigenen Weiblichkeit literarisch zu fokussieren: die Gefährdung durch sexuelle Gewalt, die Verantwortung als Mutter. Erst in der bestürzend vollkommenen Erzählung Der Ausflug der toten Mädchen, die später im mexikanischen Exil entstand, gestaltete Seghers eine ganze Oberschulklasse weiblicher Figuren – die zum Zeitpunkt der Erzählung allesamt deportiert, ermordet oder durch eigene Hand gestorben sind. Ich habe nicht alles von Anna Seghers gelesen: Aber ich vermute, es gibt keine Perspektive weiblicher Befreiung in ihrem Werk. Die Konflikte zwischen Kommunist-Sein und Frau-Sein wurden erst eine Generation später von den großen DDR-Autorinnen Christa Wolf und Brigitte Reimann literarisch dargestellt. Zu deren Zeit war die Debatte um weibliches Schreiben, befördert von der Zweiten Frauenbewegung, in vollem Gang.
Ich frage mich auch, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen Seghers‘ Vernachlässigung des weiblichen Schicksals und ihrer Ignoranz gegenüber der nationalsozialistischen Judenvernichtung, die in den Zeitromanen Das siebte Kreuz und Transit nicht vorkommt. Bekanntlich stammte Seghers aus einer orthodoxen jüdischen Familie und hat über das Judentum bei Rembrandt promoviert: Was es heißt, in einer judenfeindlichen Gesellschaft Jüdin zu sein, wusste sie also aus eigener Erfahrung sowie aus der kunsthistorischen Beschäftigung heraus. Es scheint, Seghers hat in ihrem literarischen Schaffen auch in dieser Hinsicht die Erfahrung gesellschaftlichen Außenseitertums zurückgestellt – zugunsten einer Hoffnung auf allgemein-menschliche Emanzipation hin zum Kommunismus. Das wird im Roman kaum expliziert; der Protagonist hat vom Kommunismus keinen Schimmer. Dezent kommunistisch ist nur die Nebenfigur Heinz mit den hellen, scharfen Augen, die man sich wahrscheinlich so vorstellen muss wie Seghers‘ Prosa: humanistisch und getragen von einem „unbeirrbaren Glauben“, der im Anderen das Gute aufrührt. In der nüchternen Perfektion ihrer Sätze irritiert nur das überflüssige n in Cannebiére, der Hauptstraße, die runter zum Hafen führt … Man wird empfindlich, wenn man selber da gewesen ist.

Ein Lamm füttern

Mir war nicht klar, dass Lämmer so sehr niedlich sind. Bo, fünf Wochen alt, wird mit der Flasche aufgezogen und lebt in der Küche, wo sie, in der unfassbaren Niedlichkeit ihrer weißen Löckchen, mit zwei Babyziegen abhängt und vergnügt aufs Sofa pisst. Ich hatte die Freude, sie zu füttern. Ein Lamm im Arm zu halten, das gierig an einer Literflasche saugt, ist etwas ganz anderes, als zum Beispiel eine Katze zu herzen: Es ist grobschlächtiger, dies Schäfchen, viel kräftiger, es zu bändigen erfordert vollen Einsatz; seine agile und fettige Wärme ging nicht nur auf meine Hände über, sondern auch auf meine Seiten, meine Knie, meine Oberschenkel. Der Kontakt mit diesem ungeduldigen Tierkind affizierte meinen ganzen Körper, nicht zuletzt in der Form süßlich riechender Milchpfützen. Anschließend mähte Klein Bo ordentlich laut nach Nachschub, bekam keinen, bockte, entwand sich meinen überraschten Armen und galoppierte auf ihren kleinen schwarzen Hufen davon, durch die Terrassentür ins Freie.
Die Arbeit mit dem Groß-, Nutz- und Speisetier, diese historisch fast überholte Realität beeindruckt die Städterin mit einer Sinnlichkeit, die anders, nackter, unmittelbarer ist als die körperliche Nähe zu einem Menschen oder auch zu einem Kätzchen – hoffnungsloser auch, vielleicht mehr zur Hingabe, zur Selbstaufgabe einladend. Das Lamm antwortet ja nicht, es will nicht schmusen, es will seine Milch und dann ab durch die Mitte. Es hat, vermute ich, eine grobe Vorstellung vom Menschen als ideellem Gesamtfütterer; das ist etwas anderes als eine persönliche Bindung, die man sich im seelenvollen Blick der älteren Hauskatze erfolgreich einbilden kann.
Es wundert nicht, dass die Evidenz dieses Lämmchens, seine Locken und reine hungrige Gegenwart, Tierrechtlerinnen die volle Legitimierung ihres Tuns gibt. Ein Lamm mit seinem weißen Plüschgesicht, das bei guter Pflege wöchentlich zwei Kilo zulegt, wiegt schwerer als ein paar Bände Gesellschaftstheorie; es überwiegt auch die Notwendigkeit, sich mit den desaströsen politischen Verhältnissen zu beschäftigen. Morgens um sieben aufzustehen, um das Lamm zu füttern, schafft mehr Sinn ins Leben als die Freuden der theoretischen Auseinandersetzung und die hässliche Mühe der Lohnarbeit – psychohygienisch betrachtet ein klarer Fall. Auf einem veganen Lebenshof, wo das Lamm nicht geschlachtet und das Lämmerfüttern nicht entlohnt wird, sondern Ehrensache ist, wird die Fürsorge für die Tiere zu einer zweckfreien Tätigkeit, dem Guten schlechthin. Tierrechtlerinnen wollen gute Menschen sein und sich darüber hinaus ausschließen aus der menschlichen Gesellschaft, von der so viel Schlechtes kommt. Sich selber karikierend tragen sie gelegentlich Hasen-, Kuh- und Schweinekostüme aus kuschelweichem Stoff – zum Spendensammeln in der Fußgängerzone oder gegen die nächtliche Kälte auf dem Lebenshof, der human animals weniger Komfort gönnt als non-human animals.
Ich habe nie ganz verstanden, was die Leute meinen, wenn sie schwärmerisch von ihrer Hände Arbeit sprechen. Gemüseziehen, Kuchenbacken, Handarbeiten ist nicht mein Fall; am engsten verwandt ist vielleicht mein gelegentliches Verlangen, wieder einmal mit dem Stift zu schreiben statt mit dem Computer, mich also meiner eigenen Handschrift zu versichern. Das Lamm Bo zu füttern, hat mir diese Schwärmerei etwas näher gebracht. Die erschütternde Sinnenhaftigkeit, die dieses sehr körperliche Erlebnis mit sich brachte, sollte bei der entsprechenden ideologischen Untermalung noch gesteigert sein durch ein Gewissen, rein und klar wie frisches Wasser, weil man sich für die unschuldige Kreatur aufopfert und dabei das eigene Bedürfnis nach Wärme, Gebrauchtwerden und sozialer Antwort transformieren und kontrollieren kann. Aus ähnlichen Gründen bin ich Sozialarbeiterin geworden. Das instrumentelle Verhältnis, das ich dort zu meinen menschlichen Pfleglingen unterhalte, weil es mir die erträglichste Art der Lohnarbeit zu sein scheint, ist natürlich kein widerspruchsfreies. Immerhin ist es eingehegt in die Bedingungen der Lohnarbeit: Ich erwirtschafte mir mein Stückchen bürgerlicher Autonomie und kann anschließend nach Hause gehen, wo ich mich um niemanden kümmern muss als um mich selbst und meine Katzen, die schon lange keine Milch mehr trinken. Außerdem verleugnet die soziale Arbeit mit Menschen und ihren Problemen nicht derart konsequent ihren Zusammenhang mit der menschlichen Gemeinschaft, die Kapitalismus heißt und in weiten Teilen beschissen ist. Anders als ein Tierrechtsaktivismus, der sich von den Menschen angeekelt abkehrt, hat sie zumindest das Potenzial, die Verhältnisse zu verachten statt die armen Schweine, die die Menschen darin sind. Darin liegt, denke ich, der entscheidende Unterschied zu Tierrechtlerinnen, die angesichts der unverstandenen Schlechtigkeit der Welt die Nase rümpfen, um anschließend die Bo’schen Pissflecken aus dem Sofapolster zu waschen.

Dolly Buster und ich

Smalltalk aus der Arbeitswelt:
„Ich habe die Befürchtung, der eine Teilnehmer im rosa Pulli driftet ans andre Ufer ab.“
„Befürchtung? Fändste schlimm?“
„Nee, nee, überhaupt nicht. Ich hatte schwule Kollegen und Kunden, das waren die herzlichsten Menschen, die du dir vorstellen kannst.“
„Na, jetzt haste ‘ne lesbische Kollegin.“
„Hab ich das? Du, wirklich, ich bin da ganz offen. Ich habe zwanzig Jahre lang ‘nen Dolly-Buster-Erotikmarkt geleitet.“

Ich musste schrecklich lachen und geriet erst später, im Gespräch mit einer Freundin, ins Nachdenken: dass es sich in diesem Fall um die Toleranz des Normalen handelt, dem nichts Menschliches fremd ist. Homosexualität wird dabei zu einer Art Spleen, einer kuriosen Vorliebe, ähnlich wie manche die Lederpeitsche mit ins Bett nehmen oder Natursekt-Pornos gucken. Man kann darüber reden und gerne auch mal lachen, und gar nicht bös gemeint. Es sind halt alles Menschen wie du und ich; jedem die eigenen Abgründe.
Diese Toleranz ermöglicht ein nettes Miteinander von Normalen und Perversen. Sie fragt freilich nicht danach, warum der schwule Kollege besonderen Anlass zur Herzlichkeit hat: wohl doch, weil ihn das Bedürfnis umtreibt, als ganz normaler Mensch anerkannt und für liebenswürdig befunden zu werden. Sie lacht darüber, dass einer von den Kumpels meines Kollegen „auf ‘ne Transe reingefallen“ ist und nimmt es der Transe im besten Fall nicht einmal übel (denn klaro nutzt sie die Gelegenheit, ist ja ‘n Mensch wie du und ich). Diese Art Toleranz denkt aber nicht im Traum daran, den Flirt zwischen einem Heteromann und einer Transfrau nicht als schlitzohriges Hinters-Licht-Führen anzusehen – sondern als normalwertiges Begehren zwischen zwei Menschen, die sich, wie in jedem Fall, wenn zwei zum ersten Mal miteinander ins Bett gehen, auf etwas Unbekanntes einlassen. Die Grenze zwischen normal und pervers bleibt unverletzt; nur dass die Perversität verzeihlich wird, weil sie menschlich ist.
Es ist nicht die schlechteste Art des kollegialen Umgangs. Diese Art Heteros sind nicht der Feind. Ich nehme mir aber vor, nicht wieder allzu laut aufzulachen, wenn Lesbischsein mit Dolly Buster gleichgesetzt wird. Die innere Abwehr in Richtung Trash und Absurditäts-empfinden soll nicht dazu führen, dass ich mich jemandem anbiedere, der sein Verständnis für menschliche Schwäche im Allgemeinen bemühen muss, um mich in meiner sexuellen Differenz schon okay zu finden.

Nachtrag: Es wird ein wenig vertrackter, wenn man weiterfragt, mit welcher Absicht die lesbische Kollegin sich hier geoutet hat. Über die eigene Differenz Auskunft zu geben, führt unweigerlich zum Paradox: Ich bin anders und möchte, dass du mich darin als normal akzeptierst. Doch ein gesellschaftlicher Zustand, der Homosexualität als Normalität anerkennt, würde Outings überflüssig machen. Keine Heterosexuelle muss je mit ihrer Sexualität herausrücken, muss immer aufs Neue abwägen, ob sie die Erwartungshaltung bricht, dass es sich mit ihr ganz normal verhält. Die Wirklichkeit, in der wir leben, birgt zum einen das Versprechen und das Lippenbekenntnis, dass Homosexualität ziemlich normal sei; zum anderen bringt sie unablässig heterosexuelle Subjekte hervor, die sich darüber stabilisieren müssen, homosexuelles Begehren als das Andere von sich abzuspalten und abzuwerten. In dieser Wirklichkeit ist das homosexuelle Triebschicksal als die Perversion schlechthin allgemein anerkannt. Jedes Kind weiß, was Schwule sind, was Lesben sind, und dass man sie nicht ärgern sollte, weil sie nichts dafür können – gleichzeitig ist schwul ein Dauerbrenner in Sachen Pausenhofbeleidigung. Sich zu outen, bedeutet demnach das Bekenntnis, dass man tatsächlich einer von denen ist, verbunden mit der Hoffnung, dies möge nicht zu Liebesverlust führen.
Das ist die Spannung, in der sich das Outing unserer Arbeitnehmerin bewegt, erfolgt 6.30 morgens auf der Pendlerstraße ins Land der Frühaufsteher, in vollkommener nächtlicher Dunkelheit: eine geeignete Situation für Sinnfragen, die individuell nicht sauber beantwortbar sind. Das Outing ist von vornherein widersprüchlich, es kann gar nicht anders sein. Das Verzeihlich-Menschliche anzuführen, ist eine Möglichkeit, diesen Widerspruch einzuebnen. Vermutlich gibt es kaum bessere Alternativen für einen heterosexuellen Mitbürger, der sich nicht kritisch mit Geschlecht und Sexualität beschäftigt hat, auf ein Outing zu reagieren. Unter den Vorzeichen einer auf freundliche Distanz gebauten Arbeitsbeziehung mag das genügen.
Anders sieht es aus, wenn man sich mit dem lesbischen Outing auf eine persönlich riskante und kräftezehrende Auseinandersetzung einlassen mag: mit Verwandten, alten Freundinnen, Genossen. Die mit dem Outing verbundene, nicht totzukriegende Erwartung, als normal und gleichzeitig als Andere anerkannt zu werden, ähnelt der Erfahrung, am Familientisch als Feministin aufzufallen, also immer wieder auf die beschissenen Nachteile des (eigenen) Frauseins hinzuweisen, bis man’s selber nicht mehr hören kann. Wenn überhaupt, wird die nicht erfüllbare Erwartung im linken und feministischen Freundeskreis erfüllt, wo sich, wenigstens ansatzweise und in sehr kleinem Rahmen, die Utopie vorwegnehmen lässt, dass es wurscht sein könnte, welches Geschlecht und welche Sexualität die Genossinnen haben. Hier lässt sich das widersprüchliche Bedürfnis in die klugen Worte der schwarzen Feministin Pat Parker kleiden – übertragen auf Homosexualität: „The first thing you do is to forget that I‘m gay. Second, you must never forget that I‘m gay.“

Im Spiegel

Ich hatte nicht vorausbedacht, dass, wenn man sich ein Porträt auf den Oberarm tätowieren lässt, Anlass zu vielem Rätselraten entsteht, die Identität der Abkonterfeiten betreffend. Etwa die Hälfte aller Verwechslungen zielt tatsächlich dahin, ob ich mir – allen Ernstes – meine eigene Fresse hätte stechen lassen. Mit Simone de Beauvoirs Dutt und Stehkragen! Wahrscheinlich liegt das daran, dass die Tätowiererin Lydia Kinn und Nase meiner Schutzheiligen ein wenig weicher gestaltet hat, als es beim strengen und kriegsbedingt ausgezehrten Originalporträt der Fall war, und die Lippen etwas voller. Vielleicht hat sie mir damit wirklich einen tiefsinnigen Streich gespielt.
Etwas verstörend sind hingegen die Kommentare von Leuten, die sich entschuldigen, dass sie zu dumm und zu ungebildet seien, um das Gesicht zu identifizieren – als hätte ich ihnen ein Rätsel gestellt und sie wären leider durchgefallen. Seltsam, dass Tätowierungen die Mitmenschen vor solche Denkaufgaben stellen. Im Fall einer neuen Bekanntschaft hat man dadurch noch mehr zu verarbeiten als Frisuren, Anziehsachen, Augenaufschläge; vielleicht ist das nicht fair. Man könnte seine Schutzheiligen auch erst einmal für sich behalten.
Mit der kleinen Seejungfrau auf meiner Wade erlebe ich viel weniger Missverständnisse. Nackte Frauenkörper, deren Fischschwänzigkeit man erst beim dritten Hingucken erkennt, sind anscheinend weniger erklärungsbedürftig als eine Büste überm Bizeps. Insgesamt aber sind die Verwechslungen, denen Simone und ich unterliegen, vielfältig und bedienen meine Vorliebe für Listen und Zufallsgedichte, zumal wenn sie mich in illustre Gesellschaft betten:

Rosa Luxemburg
ich
die junge Käthe Kollwitz
ich
so ‘ne russische Künstlerin, Avantgarde
Hildegard von Bingen
ich
someone from the family
ich
meine Mutter
Mozart

„Ich hatte nie lange in den Spiegel gesehen: mein Gesicht war mein eigenes, mehr wusste der Spiegel mir nicht zu sagen, nur, ob der Hut darauf schief oder gerade saß; erst jetzt, im Alter, vermag ich mich nicht mehr darin zu erkennen.“ (Simone de Beauvoir)

Lohnabhängige in Zeiten des Terrorismus

Als ich mir im Frankfurter Flughafen in einem dieser teuren, hochbunten Minisupermärkte einen Kaffee kaufe, albern zwei jugendliche Verkäuferinnen, von Kopf bis Fuß in Corporate-Identity-Lachsrosa gekleidet: Ey, wenn der Koffer da noch weiter rumsteht, gibt’s gleich ‘ne Absperrung.
Ich schmunzle mit und frage: Habt ihr häufiger Angst, wenn ein Koffer rumsteht, dass gleich der Alarm losgeht?
Eine der Lachsfarbenen: Nee, keine Angst. Wir haben Vorfreude. Wenn es Alarm gibt, macht der Shop hier mindestens ‘ne halbe Stunde lang zu.