You want the baby?

Kürzlich hatte ich zum ersten Mal näheren Kontakt zu einer Flüchtlingsfamilie, vermutlich Syrern; es ist schon ein paar Wochen her, aber ich war lange zu benommen, um es ordentlich aufzuschreiben.
Sie standen in der Regionalbahn plötzlich hinter mir, acht Personen, glaube ich: vielleicht Vater und Mutter, zwei junge Frauen, drei kleine Jungs und ein schreiendes Baby. Plötzlich waren sie da, und so nah, wie ich es immer gescheut habe angesichts der Aufrufe zur Flüchtlingshilfe, die seit dem Sommer ergangen sind. Wie man es so oft sieht, trugen sie ganz gute Kleidung, die Frauen bunte Kopftücher; aber außer einem blauen Müllsack hatten sie fast nichts dabei, und man roch, dass sie länger keine Gelegenheit zum Duschen gehabt hatten. Es war nur folgerichtig, dass ich den Kleinen das bisschen Schokolade und den Riegel türkischen Honig gab, die ich noch in der Tasche hatte, mit ziemlich zittrigen Händen.
Als sie wie ich in Bremen ausstiegen, konnte ich mich nicht recht losreißen; ich näherte mich dem Vater, der auf dem Fahrplan herumsuchte, er fragte: Düsseldorf?, und ich zeigte ihm den nächsten Zug dorthin. Dann ging ich weiter, zu meinem Zug nach Hamburg; und überlegte es mir anders und lief zurück und kramte einen Schein aus meinem Portemonnaie hervor und drückte ihn einer der Frauen in die Hand – derjenigen mit dem verheulten Kleinkind auf dem Arm, weil sie am nächsten stand und weil ich es so schlecht vertrage, mit Typen zu kommunizieren, während schweigende Frauen drumherum stehen. Sie sah mich nur überrascht und etwas misstrauisch an, dann wandte sich die ganze Gruppe mir zu und wusste nicht, was sie davon halten sollte. Der Vater nahm den Schein und fragte in sehr gebrochenem Englisch, wofür der sei, und ich sagte, for food, for water, whatever you need, und er verstand mich nicht. Alle sahen mich ratlos an, es war wohl zu verwirrend, aus heiterem Himmel Geld überreicht zu bekommen. Da sprach die junge Frau, die mir am nächsten stand, sie sagte den schlimmsten und schmerzhaftesten Satz, den ich seit langem gehört habe, nämlich: You want the baby? Gar nicht empört sagte sie das, als käme es vor, dass jemand für 50€ ein Baby kauft; als hätten sie es schon erlebt, dass jemand ihnen ihr Baby abkaufen wollte. Ich wehrte ab, sagte, nein, nein, just take it, please take it, und der Vater sagte auf Deutsch: Danke!, und dann ging ich schnell weg, mit immer noch zitternden Händen und Knien.

Mein Gott, das Elend in der Welt: wie handgreiflich, aber auch handhabbar es in diesen Tagen wird; wie sehr es zum Handeln auffordert. Meistens verkrieche ich mich vor dieser Aufforderung und ziehe mir die Decke über den Kopf und nehm mir das sehr übel.
Die Welt ist bedrohlicher geworden. Es mutet grotesk an, dass ich mich für bedroht und schutzbedürftig halte, während durch Europa zehntausende Grüppchen wie diese wandern, um alles gebracht außer um ihr nacktes Leben. Und doch hilft der Vergleich nicht dagegen, dass ich Schutz suche, Ablenkung, normalen Alltag; dass ich am liebsten alles, was in Syrien und in Israel, im Jemen und in Frankreich passiert, vergessen und verdrängen würde.
Besseren Schutz vor dem Elend in der Welt vermisse ich schon, seit ich in der großen Großstadt wohne, nicht mehr in der kleinen Großstadt in der ostdeutschen Provinz, wo fast alle kartoffeldeutsch und vom Sozialsystem erfasst sind. Die paar Flüchtlinge, die Sachsen bisher aufgenommen hat, werden in Messehallen und Unterkünften meist am Rand oder außerhalb der Städte untergebracht, wo von Nazis organisierte Kartoffeln zusammenlaufen und Brandsätze werfen, wenn nicht real, so doch metaphorisch. Das sind die zweifelhaften Segnungen von Flächenstaaten (auch so ein Begriff, den nur Stadtstaatler verwenden).
In Hamburg hingegen ist mittlerweile mehr als jeder 60. Einwohner Refugee. Es gibt kaum noch ein Viertel, in dem keine Container oder Zelte stehen. Die internationalen Zusammenhänge von Ausbeutung, Krieg und Terror, die Verstricktheit jedes Einzelnen in die ganze große Scheiße, die doch meistens erträglich abstrakt bleiben, sind überall in der Öffentlichkeit greifbar und unignorierbar geworden – so sehr, dass man eigentlich die ganze Zeit schreien müsste oder mehr kotzen, als man fressen kann, oder ehrenamtliche Hilfe leisten. Das alles tue ich nicht und werfe es mir vor.
Ich habe meinen letzten Job aufgegeben, weil mir die Arbeit mit geschundenen Frauen und Kindern zu nah ging – zu nah, um noch zu lesen, zu denken und zu schreiben. Lesen und Denken und Schreiben sind Dinge, die mich existenziell ausmachen. Sie erfordern eine distanzierte, beobachtende Position gegenüber dem Leben als solchem; sie erfordern, sich aus den Dingen herausnehmen und frei flottieren zu können, ein Nicht-ganz-dabei-Sein, das vereinzelt, aber auch beschützt. Ich kann es auf die Dauer nicht haben, wenn zu viel Leben stattfindet – wenn mehr passiert, als überdacht und beschrieben werden könnte. Dieses begrenzte Aufnahmevermögen hat eine intellektuelle, eine sinnlich-gefühlsmäßige und eine zeitliche Dimension. Wenn man sich das Vermögen erhalten will, intensiv zu erleben und sorgfältig zu denken, um darüber zu schreiben, darf nicht zu viel passieren. Es braucht, grob gerechnet, mindestens noch einmal so viel Meta-Leben wie Leben. Wie kriegt man das hin, wenn unterm Gesichtspunkt aktuellen menschlichen Leidens alles Schreiben und Lesen und Vor-sich-hin-Denken wie unterlassene Hilfeleistung anmutet? Das Elend der Welt lässt sich kaum mehr ignorieren, es erlaubt keine Distanz und kein mildes Verdrängen mehr, nicht einmal zeitweise. „Ich quäle mich nur zu der von mir gewählten Stunde“, hat Georges Bataille gesagt, und ich finde es einen sehr nützlichen Satz: sich punktuell bewusst dem Elend auszusetzen, um ihm entgegenwirken zu können – aber dann auch wieder aufzuhören mit der protestantischen Selbstzerfleischung, die niemandem nützt. Gerade verstört mich sehr, dass das nicht mehr funktioniert.
Seit einer ganzen Weile stehen auch direkt hinterm Hamburger Hauptbahnhof Zelte, vor denen Flüchtlinge sitzen und Pappbecher mit heißen Getränken umklammern, in diesem kalten und tief vernebelten Hamburger November. Drinnen im Bahnhof stehen sie in großen ratlosen Gruppen, auf dem Arm die heulenden Kleinkinder. Ich sehe sie sehr gut, meinerseits beim Kaffeetrinken im Schnellrestaurant, eine feige Kartoffel mit Buch in der Hand – bevor mein Zug kommt und mich endlich von dem ganzen Elend wegträgt.

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