Meine russische Seele

Dieses Thema ist nicht ohne Kitsch und Klischee und vielleicht nicht ohne Ethno-Romantizismus zu haben – oder wie sich das nennt, wenn man sehnsüchtige Blicke auf ferne Völkerschaften wirft, in der Hoffnung, dort gäbe es etwas, woran es einem selber mangelt; um sich dann in Traumfängerbasteln oder in buddhistische Weisheit zu vertiefen und darüber auch nicht glücklicher zu werden. Weil der Kitsch also schon im Thema liegt, packe ich die volle Ladung in die Überschrift und gut damit.
Nämlich verhält es sich so, dass mich zunehmend die Sehnsucht nach dem Osten befällt. Damit meine ich nicht allein Details wie den gesunden Menschenverstand, der in meinem Kopf immer Sächsisch spricht, oder die großen, unregelmäßig breiten Steinplatten, aus denen in Leipzig die Fußwege sind. Ich meine ein ganzes, nicht leicht beschreibbares Lebensgefühl aus Fatalismus, Genussorientierung und Trash, das eng mit dem Osten verbunden ist. Dieses Lebensgefühl hat, glaube ich, tatsächlich etwas mit Russland zu tun; es war in seiner sozialistischen Färbung Teil der DDR-Mentalität und wirkt in vielen Ossis recht ungebrochen fort.
Es hat etwas mit dem Zweifel zu tun, inwieweit man im Leben tatsächlich eine Wahl hat und folglich, ob es sich wohl lohne, sich ausdrücklich und begeistert mit dem Gewählten zu identifizieren: sei es nun ein Geschmack, ein Beruf oder eine Lebens- oder eine Staatsform. Weniges ist begeisterungswürdig und ungebrochen liebenswert, weshalb sich Zurückhaltung und Ironie lohnen – den Menschen und den Dingen gegenüber. Aber diejenigen Dinge und Menschen, die sich als verlässlich gut erweisen, haben alle Liebe, im Sinne der Integration in die eigene Alltagsroutine, verdient. Mein Ost-Lebensgefühl hat also auch etwas mit Illusionsfreiheit zu tun, und zwar verstanden als die – wie ich finde, sehr wertvolle – Freiheit, dass man sich ja bei Gott nicht abverlangen kann, dass der ganze Quatsch einem wirklich Spaß macht … also ein Käffchen gekocht und ein Bierchen geöffnet, den Kopf geschüttelt und ein zynisches Späßchen gemacht.
Von dieser schönen und beständigen Trägheit in allen Angelegenheiten, die auch etwas Tröstliches hat, findet sich in der fremden Großstadt nicht viel. Hier sind die Menschen nett und glatt und arbeitsam und – wie mir immer wieder auffällt – so merkwürdig überzeugt von dem, was sie sind und was sie tun. Im Verkehr mit ihnen fällt es mir viel schwerer, den Übergang zur Privatheit mitzuvollziehen, der sich drüben dadurch auszeichnet, dass man langsam miteinander ins Gemütliche und Grummelige kommt. Hier wird das Berufs- oder das politische Ich am Ende des Tages nicht mit einem lauten Uff fallen gelassen – sondern die Leute bleiben einfach immer weiter nett. Das verstört mich; es hat mich schon verstört, als ich vor Jahren länger in Dänemark war und das Lächeln all der durchtrainierten Blonden um mich herum nicht mehr ertragen konnte. Meine russische Seele nämlich hat spätestens am Nachmittag genug von der Freundlichkeit, sie will Hauslatschen anziehen und Pfeffi trinken. Damit nicht auf Widerhall zu stoßen, macht mich auf die Dauer unzufrieden und bösartig gegenüber den Netten, die am Ende auch nichts dafür können.
Umso schöner, wenn ich dann doch einmal auf Gleichgestrickte stoße. Einmal habe ich mein melancholisch vermisstes Ossitum an einer Kollegin wiedergefunden: Walentina, die in Kasachstan aufgewachsen und als Spätaussiedlerin nach Deutschland gekommen war. Ich habe es erkannt an Walentinas freundlichem Kichern über die Dinge, die schief gehen, weil immer etwas schief geht, ein Lachen, dass das komische Potenzial in allem sieht und gleichzeitig immer mit dem Schlimmsten rechnet.
Walentina hätte alles für ihre beiden Söhne getan – was sie nicht davon abhielt, einmal, als wir an einem niedlichen Baby vorbeikamen, zu kommentieren, wie man ein so schönes Kind gebären könne, ihre seien lange nicht so hübsch. Walentina schmeckte vieles gut, denn damals in Kasachstan waren die Zuckersäcke unterm elterlichen Bett, durch langes Anstehen und vielleicht mithilfe von ein bisschen Schmiergeld erstanden, die einzige Süßigkeit im Haus. Walentina konnte nichts wegschmeißen, aber alles weiterverwerten. Vieles benannte sie, nach russischer Sprachgepflogenheit und in ihrer wiegenden Intonation, in der Verkleinerungsform: Bei Walentina gab es ein Löffelchen und ein Tellerchen und zwei Äpfelchen, was diese Alltagsdinge mit einer ungewohnten, fast märchenhaften Zärtlichkeit umgab.
Walentina rauchte wie ein Schlot, hörte beim Autofahren Falcos Greatest Hits auf Anschlag und begoss Gutes wie Schlechtes mit einem oder auch mehreren kleinen Klaren. Sie erzählte, in ihrer Friseurinnenausbildung in den 90ern, damals in Kasachstan, hätten sie und die Kolleginnen so viel gesoffen, dass sie sich an den Dauerwellen der Kundinnen festhalten mussten. Und ich hätte sie umarmen und küssen können, als sie einmal von ihrer alten Mutter sprach, wie sie angesichts der bürokratischen Hürden der Einbürgerung stoßseufzte: Ach Kind, ich dachte, wenn wir erst mal in Deutschland sind, scheint uns nur noch die Sonne auf den Kopf …
Vielleicht ist es vermessen, in diesem Seufzer eine utopische Sehnsucht erkennen zu wollen – die Sehnsucht nach einem Glückszustand, der die üblichen Wahlmöglichkeiten übersteigt. Es is rum wie num, wie die Sächsin sagt: Die Welt ist schlecht und ungerecht, es lohnt kaum, sich drüber aufzuregen. Damit wird die Option eröffnet, sich darüber lustig zu machen, dass es so wichtig sein sollte, sich alle Naselang zu entscheiden und zu engagieren. Hat ja keiner gesagt, dass der Ossi der begeistertste Mitmachdemokrat wäre. Wenn er dann doch mitmachen und Volk spielen will, schlägt die Sehnsucht leider in Faschismus um. Das ist des Ossis dunkle Seite: Gesellschaftliche Veränderung wird als Störung begriffen, die das resignierte Einerlei unterbricht, an das man sich doch ganz gut gewöhnt hat – ob einem nun die Sonne auf den Kopf scheint oder nicht.
Aber ich will mich ja ethno-romantisch aufs Gute konzentrieren. Daher möchte ich noch einmal meinen stärksten Heimwehfaktor präzisieren: Die staatssozialistische Prägung, die den Individuen politische Lippenbekenntnisse und Großdemonstrationen abverlangte, zeigt sich noch heute in der Gewissheit, dass das arbeitsmarktfähige Lächeln und die intime Gemütlichkeit zwei ganz verschiedene Paar Schuhe sind. Die täglich notwendige Selbstdisziplin wird als Last empfunden: Wie viel schöner wäre es doch, sich ihr zu entziehen und stattdessen alle, die vorbeikommen, auf einen Wodka und ein Stückchen Streuselkuchen einzuladen und in Hauslatschen durch die Wohnung zu tanzen, zu t.A.T.u. oder zu Moskau, Moskau, wirf die Gläser an die Wand…
Ob vermessen oder nicht: Meine russische Seele, die sich im Grunde auf dem Niveau des Hits von Dschinghis Khan bewegt, ist wohl eins der Merkmale, die mich langfristig gesehen nicht weniger kauzig machen. Das fällt mir ab und zu auf – genauso wie die Tatsache, dass die Dinge aus der Ferne immer schöner sind und es irgendwie auch erholsam ist, die Ossis nicht jeden Tag aushalten zu müssen.

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