Im Spiegel

Ich hatte nicht vorausbedacht, dass, wenn man sich ein Porträt auf den Oberarm tätowieren lässt, Anlass zu vielem Rätselraten entsteht, die Identität der Abkonterfeiten betreffend. Etwa die Hälfte aller Verwechslungen zielt tatsächlich dahin, ob ich mir – allen Ernstes – meine eigene Fresse hätte stechen lassen. Mit Simone de Beauvoirs Dutt und Stehkragen! Wahrscheinlich liegt das daran, dass die Tätowiererin Lydia Kinn und Nase meiner Schutzheiligen ein wenig weicher gestaltet hat, als es beim strengen und kriegsbedingt ausgezehrten Originalporträt der Fall war, und die Lippen etwas voller. Vielleicht hat sie mir damit wirklich einen tiefsinnigen Streich gespielt.
Etwas verstörend sind hingegen die Kommentare von Leuten, die sich entschuldigen, dass sie zu dumm und zu ungebildet seien, um das Gesicht zu identifizieren – als hätte ich ihnen ein Rätsel gestellt und sie wären leider durchgefallen. Seltsam, dass Tätowierungen die Mitmenschen vor solche Denkaufgaben stellen. Im Fall einer neuen Bekanntschaft hat man dadurch noch mehr zu verarbeiten als Frisuren, Anziehsachen, Augenaufschläge; vielleicht ist das nicht fair. Man könnte seine Schutzheiligen auch erst einmal für sich behalten.
Mit der kleinen Seejungfrau auf meiner Wade erlebe ich viel weniger Missverständnisse. Nackte Frauenkörper, deren Fischschwänzigkeit man erst beim dritten Hingucken erkennt, sind anscheinend weniger erklärungsbedürftig als eine Büste überm Bizeps. Insgesamt aber sind die Verwechslungen, denen Simone und ich unterliegen, vielfältig und bedienen meine Vorliebe für Listen und Zufallsgedichte, zumal wenn sie mich in illustre Gesellschaft betten:

Rosa Luxemburg
ich
die junge Käthe Kollwitz
ich
so ‘ne russische Künstlerin, Avantgarde
Hildegard von Bingen
ich
someone from the family
ich
meine Mutter
Mozart

„Ich hatte nie lange in den Spiegel gesehen: mein Gesicht war mein eigenes, mehr wusste der Spiegel mir nicht zu sagen, nur, ob der Hut darauf schief oder gerade saß; erst jetzt, im Alter, vermag ich mich nicht mehr darin zu erkennen.“ (Simone de Beauvoir)

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