Dolly Buster und ich

Smalltalk aus der Arbeitswelt:
„Ich habe die Befürchtung, der eine Teilnehmer im rosa Pulli driftet ans andre Ufer ab.“
„Befürchtung? Fändste schlimm?“
„Nee, nee, überhaupt nicht. Ich hatte schwule Kollegen und Kunden, das waren die herzlichsten Menschen, die du dir vorstellen kannst.“
„Na, jetzt haste ‘ne lesbische Kollegin.“
„Hab ich das? Du, wirklich, ich bin da ganz offen. Ich habe zwanzig Jahre lang ‘nen Dolly-Buster-Erotikmarkt geleitet.“

Ich musste schrecklich lachen und geriet erst später, im Gespräch mit einer Freundin, ins Nachdenken: dass es sich in diesem Fall um die Toleranz des Normalen handelt, dem nichts Menschliches fremd ist. Homosexualität wird dabei zu einer Art Spleen, einer kuriosen Vorliebe, ähnlich wie manche die Lederpeitsche mit ins Bett nehmen oder Natursekt-Pornos gucken. Man kann darüber reden und gerne auch mal lachen, und gar nicht bös gemeint. Es sind halt alles Menschen wie du und ich; jedem die eigenen Abgründe.
Diese Toleranz ermöglicht ein nettes Miteinander von Normalen und Perversen. Sie fragt freilich nicht danach, warum der schwule Kollege besonderen Anlass zur Herzlichkeit hat: wohl doch, weil ihn das Bedürfnis umtreibt, als ganz normaler Mensch anerkannt und für liebenswürdig befunden zu werden. Sie lacht darüber, dass einer von den Kumpels meines Kollegen „auf ‘ne Transe reingefallen“ ist und nimmt es der Transe im besten Fall nicht einmal übel (denn klaro nutzt sie die Gelegenheit, ist ja ‘n Mensch wie du und ich). Diese Art Toleranz denkt aber nicht im Traum daran, den Flirt zwischen einem Heteromann und einer Transfrau nicht als schlitzohriges Hinters-Licht-Führen anzusehen – sondern als normalwertiges Begehren zwischen zwei Menschen, die sich, wie in jedem Fall, wenn zwei zum ersten Mal miteinander ins Bett gehen, auf etwas Unbekanntes einlassen. Die Grenze zwischen normal und pervers bleibt unverletzt; nur dass die Perversität verzeihlich wird, weil sie menschlich ist.
Es ist nicht die schlechteste Art des kollegialen Umgangs. Diese Art Heteros sind nicht der Feind. Ich nehme mir aber vor, nicht wieder allzu laut aufzulachen, wenn Lesbischsein mit Dolly Buster gleichgesetzt wird. Die innere Abwehr in Richtung Trash und Absurditäts-empfinden soll nicht dazu führen, dass ich mich jemandem anbiedere, der sein Verständnis für menschliche Schwäche im Allgemeinen bemühen muss, um mich in meiner sexuellen Differenz schon okay zu finden.

Nachtrag: Es wird ein wenig vertrackter, wenn man weiterfragt, mit welcher Absicht die lesbische Kollegin sich hier geoutet hat. Über die eigene Differenz Auskunft zu geben, führt unweigerlich zum Paradox: Ich bin anders und möchte, dass du mich darin als normal akzeptierst. Doch ein gesellschaftlicher Zustand, der Homosexualität als Normalität anerkennt, würde Outings überflüssig machen. Keine Heterosexuelle muss je mit ihrer Sexualität herausrücken, muss immer aufs Neue abwägen, ob sie die Erwartungshaltung bricht, dass es sich mit ihr ganz normal verhält. Die Wirklichkeit, in der wir leben, birgt zum einen das Versprechen und das Lippenbekenntnis, dass Homosexualität ziemlich normal sei; zum anderen bringt sie unablässig heterosexuelle Subjekte hervor, die sich darüber stabilisieren müssen, homosexuelles Begehren als das Andere von sich abzuspalten und abzuwerten. In dieser Wirklichkeit ist das homosexuelle Triebschicksal als die Perversion schlechthin allgemein anerkannt. Jedes Kind weiß, was Schwule sind, was Lesben sind, und dass man sie nicht ärgern sollte, weil sie nichts dafür können – gleichzeitig ist schwul ein Dauerbrenner in Sachen Pausenhofbeleidigung. Sich zu outen, bedeutet demnach das Bekenntnis, dass man tatsächlich einer von denen ist, verbunden mit der Hoffnung, dies möge nicht zu Liebesverlust führen.
Das ist die Spannung, in der sich das Outing unserer Arbeitnehmerin bewegt, erfolgt 6.30 morgens auf der Pendlerstraße ins Land der Frühaufsteher, in vollkommener nächtlicher Dunkelheit: eine geeignete Situation für Sinnfragen, die individuell nicht sauber beantwortbar sind. Das Outing ist von vornherein widersprüchlich, es kann gar nicht anders sein. Das Verzeihlich-Menschliche anzuführen, ist eine Möglichkeit, diesen Widerspruch einzuebnen. Vermutlich gibt es kaum bessere Alternativen für einen heterosexuellen Mitbürger, der sich nicht kritisch mit Geschlecht und Sexualität beschäftigt hat, auf ein Outing zu reagieren. Unter den Vorzeichen einer auf freundliche Distanz gebauten Arbeitsbeziehung mag das genügen.
Anders sieht es aus, wenn man sich mit dem lesbischen Outing auf eine persönlich riskante und kräftezehrende Auseinandersetzung einlassen mag: mit Verwandten, alten Freundinnen, Genossen. Die mit dem Outing verbundene, nicht totzukriegende Erwartung, als normal und gleichzeitig als Andere anerkannt zu werden, ähnelt der Erfahrung, am Familientisch als Feministin aufzufallen, also immer wieder auf die beschissenen Nachteile des (eigenen) Frauseins hinzuweisen, bis man’s selber nicht mehr hören kann. Wenn überhaupt, wird die nicht erfüllbare Erwartung im linken und feministischen Freundeskreis erfüllt, wo sich, wenigstens ansatzweise und in sehr kleinem Rahmen, die Utopie vorwegnehmen lässt, dass es wurscht sein könnte, welches Geschlecht und welche Sexualität die Genossinnen haben. Hier lässt sich das widersprüchliche Bedürfnis in die klugen Worte der schwarzen Feministin Pat Parker kleiden – übertragen auf Homosexualität: „The first thing you do is to forget that I‘m gay. Second, you must never forget that I‘m gay.“

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