Ein Lamm füttern

Mir war nicht klar, dass Lämmer so sehr niedlich sind. Bo, fünf Wochen alt, wird mit der Flasche aufgezogen und lebt in der Küche, wo sie, in der unfassbaren Niedlichkeit ihrer weißen Löckchen, mit zwei Babyziegen abhängt und vergnügt aufs Sofa pisst. Ich hatte die Freude, sie zu füttern. Ein Lamm im Arm zu halten, das gierig an einer Literflasche saugt, ist etwas ganz anderes, als zum Beispiel eine Katze zu herzen: Es ist grobschlächtiger, dies Schäfchen, viel kräftiger, es zu bändigen erfordert vollen Einsatz; seine agile und fettige Wärme ging nicht nur auf meine Hände über, sondern auch auf meine Seiten, meine Knie, meine Oberschenkel. Der Kontakt mit diesem ungeduldigen Tierkind affizierte meinen ganzen Körper, nicht zuletzt in der Form süßlich riechender Milchpfützen. Anschließend mähte Klein Bo ordentlich laut nach Nachschub, bekam keinen, bockte, entwand sich meinen überraschten Armen und galoppierte auf ihren kleinen schwarzen Hufen davon, durch die Terrassentür ins Freie.
Die Arbeit mit dem Groß-, Nutz- und Speisetier, diese historisch fast überholte Realität beeindruckt die Städterin mit einer Sinnlichkeit, die anders, nackter, unmittelbarer ist als die körperliche Nähe zu einem Menschen oder auch zu einem Kätzchen – hoffnungsloser auch, vielleicht mehr zur Hingabe, zur Selbstaufgabe einladend. Das Lamm antwortet ja nicht, es will nicht schmusen, es will seine Milch und dann ab durch die Mitte. Es hat, vermute ich, eine grobe Vorstellung vom Menschen als ideellem Gesamtfütterer; das ist etwas anderes als eine persönliche Bindung, die man sich im seelenvollen Blick der älteren Hauskatze erfolgreich einbilden kann.
Es wundert nicht, dass die Evidenz dieses Lämmchens, seine Locken und reine hungrige Gegenwart, Tierrechtlerinnen die volle Legitimierung ihres Tuns gibt. Ein Lamm mit seinem weißen Plüschgesicht, das bei guter Pflege wöchentlich zwei Kilo zulegt, wiegt schwerer als ein paar Bände Gesellschaftstheorie; es überwiegt auch die Notwendigkeit, sich mit den desaströsen politischen Verhältnissen zu beschäftigen. Morgens um sieben aufzustehen, um das Lamm zu füttern, schafft mehr Sinn ins Leben als die Freuden der theoretischen Auseinandersetzung und die hässliche Mühe der Lohnarbeit – psychohygienisch betrachtet ein klarer Fall. Auf einem veganen Lebenshof, wo das Lamm nicht geschlachtet und das Lämmerfüttern nicht entlohnt wird, sondern Ehrensache ist, wird die Fürsorge für die Tiere zu einer zweckfreien Tätigkeit, dem Guten schlechthin. Tierrechtlerinnen wollen gute Menschen sein und sich darüber hinaus ausschließen aus der menschlichen Gesellschaft, von der so viel Schlechtes kommt. Sich selber karikierend tragen sie gelegentlich Hasen-, Kuh- und Schweinekostüme aus kuschelweichem Stoff – zum Spendensammeln in der Fußgängerzone oder gegen die nächtliche Kälte auf dem Lebenshof, der human animals weniger Komfort gönnt als non-human animals.
Ich habe nie ganz verstanden, was die Leute meinen, wenn sie schwärmerisch von ihrer Hände Arbeit sprechen. Gemüseziehen, Kuchenbacken, Handarbeiten ist nicht mein Fall; am engsten verwandt ist vielleicht mein gelegentliches Verlangen, wieder einmal mit dem Stift zu schreiben statt mit dem Computer, mich also meiner eigenen Handschrift zu versichern. Das Lamm Bo zu füttern, hat mir diese Schwärmerei etwas näher gebracht. Die erschütternde Sinnenhaftigkeit, die dieses sehr körperliche Erlebnis mit sich brachte, sollte bei der entsprechenden ideologischen Untermalung noch gesteigert sein durch ein Gewissen, rein und klar wie frisches Wasser, weil man sich für die unschuldige Kreatur aufopfert und dabei das eigene Bedürfnis nach Wärme, Gebrauchtwerden und sozialer Antwort transformieren und kontrollieren kann. Aus ähnlichen Gründen bin ich Sozialarbeiterin geworden. Das instrumentelle Verhältnis, das ich dort zu meinen menschlichen Pfleglingen unterhalte, weil es mir die erträglichste Art der Lohnarbeit zu sein scheint, ist natürlich kein widerspruchsfreies. Immerhin ist es eingehegt in die Bedingungen der Lohnarbeit: Ich erwirtschafte mir mein Stückchen bürgerlicher Autonomie und kann anschließend nach Hause gehen, wo ich mich um niemanden kümmern muss als um mich selbst und meine Katzen, die schon lange keine Milch mehr trinken. Außerdem verleugnet die soziale Arbeit mit Menschen und ihren Problemen nicht derart konsequent ihren Zusammenhang mit der menschlichen Gemeinschaft, die Kapitalismus heißt und in weiten Teilen beschissen ist. Anders als ein Tierrechtsaktivismus, der sich von den Menschen angeekelt abkehrt, hat sie zumindest das Potenzial, die Verhältnisse zu verachten statt die armen Schweine, die die Menschen darin sind. Darin liegt, denke ich, der entscheidende Unterschied zu Tierrechtlerinnen, die angesichts der unverstandenen Schlechtigkeit der Welt die Nase rümpfen, um anschließend die Bo’schen Pissflecken aus dem Sofapolster zu waschen.

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