Noch einmal Marseille

Erst ein paar Wochen nach unserer Heimkehr fiel mir auf, dass Der Vulkan von Klaus Mann ein sehr schöner Kontrapunkt zu Transit ist. Im Gegensatz zu Anna Seghers ist Klaus Mann eine alte Jugendliebe von mir. Mit achtzehn habe ich im Tschaikowsky-Roman Symphonie Pathétique meinen Weltekel und den Schmerz ums Anderssein wiedergefunden. Tschaikowsky ist so inzestuös wie hoffnungslos in seinen Neffen Bob verliebt und ansonsten recht ängstlich und verdrossen über den Lauf der Welt, die er mit anmutigen Ballettkompositionen beglückt. Außerhalb der Musik sind in ihr Schönheit und Erfüllung nicht zu haben; daher kann Peter Iljitsch gleich im Bett liegen bleiben und heiße Schokolade trinken. Recht hat er, fand ich damals, die Mühen von Abitur und Studienwahl vor Augen.
Der große Reiz der Zeitromane Mephisto, Treffpunkt im Unendlichen und Der Vulkan erschloss sich mir erst später. Zu diesem Reiz gehört, dass auch der explizit antifaschistische Geist dieser Bücher gepaart ist mit der Klaus Mann‘schen „Zärtlichkeit für die Kreatur“, wie es im Vulkan heißt. Klaus Manns Prosa ist nicht kühl und glasklar, sie ist viel weicher als die von Anna Seghers, ja ein wenig geschwätzig; und er liebt seine Figuren nicht trotz, sondern gerade in ihrer moralischen Schwäche und gesellschaftlich festgeschriebenen Unzulänglichkeit. Der Nazismus und das Exil, in das er sie getrieben hat, ist ihr gemeinsames Unglück, aber bei Weitem nicht ihr einziges: An die Stelle des heteropatriarchalen Taugenichts aus Transit treten „lauter Schwule und Morphinisten!“ – so kommentierte ein Zeitgenosse Klaus Manns etwas verstört den Vulkan.
Der Roman porträtiert die deutsche Emigration vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und spielt zumindest teilweise in Marseille. Die Emigrantinnen und Emigranten sind eine bunte Mischung aus politischer, künstlerischer und moralischer Opposition, auch einige Juden sind darunter. Zu Beginn sitzen alle in verschiedenen Zusammensetzungen in der Kneipe und lernen einander kennen: „Da der freundliche Bernheim so freigebig die Getränke spendierte, wurde die Unterhaltung an seinem Tisch immer lebhafter. Zwei jüngere Journalisten, die mit ihren großen runden Brillengläsern und den hackenden Bewegungen ihrer schmalen Köpfe einem Paar von seltsamen, nicht ungefährlichen Vögeln glichen, brachten eine ernste Dame mit, deren schneeweiß geschminktes, starres und schönes Gesicht von undefinierbarem Alter war. Die Dame hieß Fräulein Sirowitsch und erklärte düster: ‚Ich übersetze Schopenhauer ins Französische.‘ Die beiden Journalisten mit den Vogelhäuptern erklärten, daß sie im Begriffe seien, eine deutsche Tageszeitung in Paris aufzumachen: ‚So was brauchen wir jetzt!‘ riefen sie siegesgewiß, wie aus einem Munde, und alle am Tisch gaben ihnen recht. Nur Herr Bernheim wollte nicht recht hinhören; er war zwar von Herzen gerne dazu bereit, in großem Stil Erfrischungen zu bezahlen; aber ihm graute doch ein wenig davor, gleich eine Tageszeitung zu finanzieren.“
Angesichts der Tatsache, dass von den beiden Journalisten nie wieder die Rede sein wird, wirkt die expressive Schönheit dieser Schilderung etwas verschwendet. Aber gerade die verschwenderische Hingabe, die zart ironische Liebe zu denen mit den großen Rosinen im Kopf kennzeichnen Klaus Manns Schreiben aufs Schönste. Sie zeigt sich auch in seiner sorgfältigen Literarisierung enger Freundinnen und Freunde (längst identifiziert von tüchtigen Germanisten) und der Schwester Erika. Dabei sind seine weiblichen Figuren so liebevoll und differenziert gezeichnet wie die männlichen – manchmal sogar noch sorgfältiger, denn Klaus Mann kennt den alten Trick schwuler Schriftsteller, das Begehren von Männern aus einer vordergründig weiblichen Perspektive zu beschreiben. Überdies ist Der Vulkan voll von sehr direkten autobiographischen Bezügen auf Klaus Manns Homosexualität, sein Schriftstellertum und seine jahrzehntelange Drogensucht. So geht der Dichter Martin Korella in der Mitte des Romans am Heroin zugrunde, ohne seinen großangelegten Roman über die Emigration geschrieben zu haben. Sein Geliebter, der bis dahin noch etwas richtungslose Junge Kikjou, macht es sich zur Aufgabe, das Projekt zu vollenden.
In der Autobiographie Kind dieser Zeit von 1932 spricht Klaus Mann von seinem Verständnis der Literatur als eines Schreibens über sich selbst: „jener eingeborene Exhibitionismus, der fast unvermeidbar mit dem Phänomen der künstlerischen Begabung – oder auch nur mit dem Trieb zur artistischen Sich-selbst-Darstellung – zusammenhängt; die tiefe Lust jedes artistischen Menschen am Skandal, an der Selbstenthüllung; die Manie, zu beichten – wem es auch immer sei –.“ Der Drang zur Selbstdarstellung ist es wohl, der seinen dichterischen Zugang am deutlichsten von demjenigen der Seghers unterscheidet. Während Seghers‘ persönliche Erlebnisse in ihren Werken nur stark selektiert und stilisiert auftauchen, werden sie bei Klaus Mann recht unmittelbar in Literatur gegossen.
Allerdings wird das Judentum, wie in Transit und Das siebte Kreuz, auch bei Klaus Mann durchgängig ausgeklammert; wenngleich auf andere Weise. Während Seghers ihren jüdischen Glauben sehr bewusst zugunsten der kommunistischen Gesinnung ablegte, findet sich bei Klaus Mann weder in den autobiographischen Schriften noch in den Romanen eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Judentum – das doch während der Nazizeit mit der krassesten Vernichtungsdrohung verbunden war. Zwar gehören zum Panorama der Verfolgten, das Der Vulkan zeichnet, die Juden David Deutsch, die Familie von Kammer und der Professor Benjamin Abel; doch deren Judentum wird eher distanziert erwähnt als ausführlich geschildert. Der verkopfte Soziologe David Deutsch ist eine Nebenfigur, die verhältnismäßig wenig zur Identifikation einlädt; und das detaillierte Porträt der antifaschistischen Schauspielerin Marion von Kammer und ihrer tragisch scheiternden Schwester bezieht deren jüdische Herkunft kaum ein. Sie wird nur anfangs als einer von mehreren Fluchtgründen genannt, als große Ungerechtigkeit der Nazis; die Figuren reflektieren und sprechen nicht darüber, was es für sie bedeutet, jüdisch zu sein oder als Jüdin gebrandmarkt zu werden. Klaus Mann ist zu dem Thema Judentum auf Abstand geblieben, seine Haltung dazu bewegt sich auf der Ebene humanistischen Abscheus gegenüber dem Antisemitismus der Nazis. Während also bei Seghers einfach keine Juden vorkommen, firmieren sie bei Klaus Mann als Angehörige einer äußerlichen, nicht weiter interessanten Kategorie, die der Vollständigkeit halber aufgeführt wird. Als Literat sah er sich in der politischen und intellektuellen Opposition, auch als Schwuler; aber die antisemitische Vernichtungsdrohung bezog er nicht auf sich. Wer könnte es ihm übel nehmen?
Beide Schriftsteller eint jedoch die sehr ernst genommene Verantwortung der Zeitgenossenschaft. Wie Anna Seghers ihren Transit, schreibt Klaus Mann den 1939 erschienen Vulkan aus der unmittelbaren Gegenwart heraus; er ist dem Geschehen im Roman höchstens ein, zwei Jahre voraus. Was für eine schreckliche Vorstellung: im Angesicht des Faschismus leben und schriftstellerisch mit ihm befasst sein!

Klaus Manns Gegnerschaft zu den Nazis speist sich nicht aus einer soliden kommunistischen Haltung. Er ist Ästhet und Humanist; sein Sozialismus wie seine Religiosität sind ungebunden an Organisationen und an Theorien. Das passt zu einer Erzählperspektive, die nicht allein den (künftigen) Kommunisten, sondern auch den Perversen auf der Flucht zeigt und beiden reichlich Mitgefühl, aber auch Situationskomik angedeihen lässt. Als Jugendliche, noch ohne politischen Bezugsrahmen, befand ich das für den Gipfel geistiger Freiheit.
Mittlerweile erscheint es mir nicht mehr so absurd, einem Parteiprogramm verpflichtet zu sein, wenn die Zeiten es gebieten, und diese Gebundenheit im literarischen Schreiben zu reflektieren. Der Halt, den Seghers in der kommunistischen Partei fand, schlägt sich in der Gezügeltheit, der Strenge ihrer Prosa nieder, die konträr zu Klaus Manns Plauderton steht. Seine Botschaft der Liebe und des Mitgefühls ist herzerwärmend, hat aber auch etwas nicht zu Ende Gedachtes, unangenehm Ausuferndes: inhaltlich wie formal. Ein schlagendes Argument gegen den schwärmerischen Freigeist ist der „Engel der Heimatlosen“, der am Ende des Vulkans herbeiflattert, rhetorisch gewandt den Nazismus als „kosmische Blamage“ der Menschheit denunziert und den nunmehr dichterisch beseelten Jungen Kikjou auf seine Schwingen bettet. Dieser Engel hat über die Jahrzehnte manch wackere antifaschistische Leserin verstört; wobei dies Verstörende fast schon wieder sympathisch ist. Aber er wäre einfach nicht nötig gewesen, der Engel. Die 500-seitige Schilderung der Emigrantenschicksale ist Zeugnis und moralische Anklage genug.
Die Notwendigkeit, dem eigenen Schreiben einen außenweltlichen Bezugsrahmen zu geben, hat Thomas Mann (verzeih mir, Klaus!) einmal so ausgedrückt: „Ich habe geruht, mir eine Verfassung zu geben.“ In seinem Fall bezog es sich auf die Eheschließung. Ähnliches – wenn auch ohne das majestätische Pathos – ist von den Schriftstellerinnen Anna Seghers und Christa Wolf bekannt. Über eine stabile Ehe mit einem intellektuellen, ihre Arbeit unterstützenden Mann sowie eine tragfähige politische Überzeugung schufen sie sich geordnete Verhältnisse, in denen sie schreiben konnten. Es gibt eine Art Künstlertum, glaube ich, die eine solche Richtungsgebung, Maßgabe, vielleicht Rückversicherung benötigt, um sich innerhalb dieser spürbaren Grenzen zu entfalten, ja die ihre Freiheit im Auskundschaften dieser Grenzen sieht. Anna Seghers etwa, die sich zu James Joyce und Kafka bekannte, ließ sich in ihrer späteren Karriere als Staatsschriftstellerin der DDR von den Vorgaben des Sozialistischen Realismus beschneiden – um den Preis einiger schlechter Bücher.
Solche Verhältnisse waren Klaus Mann nicht möglich; er ist auf seine eigene Weise vogelfrei. Das möchte ich trotz Ehe- und Parteilosigkeit nicht sein. Mein weltanschauliches Gerüst, mein Bekenntnis sind der Feminismus und der Materialismus, denen ich mich seit vielen Jahren verpflichtet fühle. Was das bedeutet, muss ich nicht nur anhand der politischen Situation, sondern auch in jedem literarischen Text, in jeder Figur immer wieder erforschen und erfinden. Es gehört zur Aufgabe, dabei im Sinne Klaus Manns die Liebe und das Mitgefühl zu den Einzelnen, den Wunderlichen und Bedrängten nicht preiszugeben.

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