Wahida

Die Deutschen brauchen ihre Flüchtlinge mehr als die Flüchtlinge die Deutschen, behauptet Tuvia Tenenbom. Vielleicht hat er Recht; auf mich trifft es jedenfalls zu. Integrationskurse zu unterrichten, setzt mich in ein irgendwie handhabbares Verhältnis zur politischen Realität: Eine Sache, die ich zum Nutzen der Gestrandeten gut tun kann, ist die Vermittlung deutscher Grammatik. Außerdem wird es nicht schlecht bezahlt.
In einem meiner Kurse habe ich Wahida kennen gelernt. Wahida ist 42, Afghanin und hat, bevor sie vor einem Jahr mit Mann und vier Kindern nach Deutschland gekommen ist, zwanzig Jahre im Iran gelebt. Jetzt wohnt sie in Weißenfels, genauer, im Plattenbauviertel Südring, wozu sie nur sagt: Ist schön, ist gut, aber Teheran – zwölf Millionen, und jetzt Weißenfels.
Mir fiel erst nach einer Weile auf, dass ihr Kopftuch sehr locker sitzt, es lässt den Haaransatz frei und ist aus dünnem Flatterstoff, ein rhetorisches Kopftuch sozusagen. Farid, ihr Mann, mit dem sie anfangs im selben Kurs war, erzählte einmal, sie seien evangelische Christen. Auf die neugierige Frage, warum sie dann ein Kopftuch trage, zuckt Wahida die Schultern und sagt nebenher: Kalt in Deutschland. Ich kann nur rätseln, wie stark der Anpassungsdruck, sich zu verschleiern, nach zwanzig Jahren im islamischen Regime noch ist – und vielleicht heute fortwirkt in der Weißenfelser Community aus syrischen, afghanischen und somalischen Flüchtlingen, die deutlich muslimisch geprägt ist. Ich habe auch nicht herausgefunden, warum sie aus dem Iran weggegangen sind. Farid schüttelt nur den Kopf und sagt, nein, nicht gut im Iran. – Zum geblümten Kopftuch trägt Wahida blaue, braune und grüne Pullis und eine bunte Kittelschürze und ist im Ganzen eine forsche, einnehmende Erscheinung, die es mit der Welt aufnehmen kann.
Ich weiß nicht, wie Wahida und ihre Familie nach Deutschland gekommen sind. Oft scheue ich mich vor persönlichen Fragen, weil die Geschichten so arg sind, jede einzelne eigentlich. Das fängt an mit dem Thema Gestrandete. Als wir über Verkehrsmittel sprachen und ich Wörter wie Flugzeug, Zug, Schiff, Boot an die Tafel schrieb, lächelte der Kurs fast nachsichtig und sagte: Alle sind mit dem Boot gekommen. Altes Boot, kleines Boot, keine Toten, Alhamdulillah. Danach seien Einige gelaufen, ein paar mit Bussen gefahren; einer erwähnte ein Fahrrad, auf dem er den Balkan durchquert habe. Eine Teilnehmerin zeigte ihre Hände: Sie seien bei München über die Grenze gelaufen, sie und ihr Mann, an jeder Hand ein Kind. – Es wird seltsam in meinem Kopf, wenn ich darüber nachdenke, was die Leute, jeder für sich, Furchtbares hinter sich haben müssen und noch erleben, am eigenen Leib sowie durch ihre Verwandten und Freunde in Syrien und Afghanistan. Aber nur wenige erzählen ab und zu von Fassbomben und der katastrophalen Versorgungslage in Damaskus und äußern Hass auf Russland und den Iran. Als im Lehrbuch das Wort hassen vorkam, schrieb ich es an die Tafel und fragte: Sagen Sie ein Beispiel – was hassen Sie?, und aus der letzten Reihe trompetete eine: Ich hasse die Taliban! Wahida gehörte zur Mehrheit, die den Kopf schüttelten und sagten, es sei falsch zu hassen.
Es gab ein langes Hin und Her, bevor die Familie aus der Gemeinschaftsunterkunft in den Südring gezogen war. Auf meine Frage, ob sie mit der neuen Wohnung zufrieden wäre, nickte Wahida: Jede Person ein Zimmer! Ich dachte an Virginia Woolf und fragte voll Erwartung: Und Sie, haben Sie auch ein Zimmer für sich? Wahida schmunzelte und sagte: Nein, ich nein. Farid und ich – eine Person. Aber ist schön, ist gut.

Ich glaube, ich bin als Deutschlehrerin am richtigen Platz. Es ist das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zu den Menschen, mit denen ich beruflich zu tun habe. Ich unterrichte und helfe meinen Kursteilnehmern mit dem unendlichen bürokratischen Zeug. Ich hege ihnen gegenüber ein sozialarbeiterisches Mitgefühl und sozialarbeiterische Sympathie: eine Art verdinglichte Nächstenliebe, mit der ich nicht nur gut leben kann, sondern die mir auch viel gibt. Aber es ist ganz klar die Sprachvermittlung, weswegen ich mit ihnen zusammenkomme und wofür ich bezahlt werde; an dieser konkreten Sache halte ich mich fest. Auch für meine Schüler sind die täglichen vier Stunden Deutschunterricht vielleicht der greifbarste Ansatzpunkt, den sie in ihrem deutschen Alltag haben – verdonnert vom Jobcenter. In verschiedenen Stadien seelischer und manchmal auch körperlicher Beschädigung kommen sie zum Kurs, unterm Arm ihr Lehrbuch mit fröhlichen blonden Menschen drauf; und ich schimpfe über vergessene Hausaufgaben und lobe richtig gebaute Sätze und frage, ob es mit dem Internetanschluss geklappt hat; und genieße die Freundlichkeit und Dankbarkeit für „meine Lehrerin Koschka“, die sich teils in Leckereien äußert.
Wenn ich dann nach Hause fahre, fühle ich mich ein Stückweit befreit von der politischen Verantwortung für diese grässliche Welt. Ich habe mein Scherflein getan und mein Herz von allzu persönlicher Verwicklung frei gehalten. Schnitt; der Rest des Tages kann beginnen. Am liebsten würde ich gar nicht viel über meine Lehrtätigkeit schreiben, weil sie ja Lohnarbeit ist: die wirtschaftliche Grundlage für mein Schreiben, nicht dessen Anlass und Gegenstand. Und ich brauche den starken Schnitt zwischen Lohnarbeit und Literatur, um nicht nur mein Herz, sondern auch einen Teil meines Kopfes zum Schreiben frei zu halten. Meine Arbeitskraft zwischen Lohnarbeit, Literatur und Politik dreizuteilen – ein irgendwie gangbares Gleichgewicht der Dinge herzustellen: Das ist der alltägliche Kampf.
Trotzdem gehen mir einige Weißenfelser Erlebnisse nahe. Es kann gar nicht anders sein: Es handelt sich um meine Lebensrealität, meine Erfahrung, die bearbeitet und eingeordnet werden muss, also gar nicht umhin kommt, Anlass und Gegenstand meines Schreibens zu sein. Und diese Lohnarbeitsrealität ist nicht nur belastend, sondern auch befriedigend, auf unmittelbarere Weise als intellektuelle Arbeit. Oft ist sie auch lustig und ich besteige mit großer Vergnügtheit den Bus nach Hause. Das war an dem Tag der Fall, als die Frage „Was sind Ihre Hobbys?“ die anmutige Aufzählung hervorgebracht hatte: Koran, Fitness, Shakira, Kurdistan, Gazellen jagen. Eine solche Aufzählung dreht sich in meinem Kopf und formt sich zur Tagebuchnotiz und zum Anekdötchen, und ich lache vor mich hin, angetan vom Reiz des Anderen … Gleichzeitig muss ich durchdenken und formulieren, was manchmal bitter ist: dass auch ich für meine Schüler die Andere bin, die allein lebende Frau aus dem fernen Leipzig mit ihrer Herrenfrisur und ihrem hochgezogenen Knie am Lehrertisch, und die von ihren Katzen spricht, als wären es Kinder. Ich weiß, dass sie mir gegenüber eine bestimmte Maske nicht ablegen und mir nach dem Mund reden, wenn sie nicken, jaja, natürlich sei es verboten, Kinder zu schlagen. Und dabei wissen sie nicht, dass ich lesbisch bin und Israel gut finde. Dass ich beide Themen meide, ist meine Maske der Vorsicht und des Misstrauens.

Hingegen Wahida: Sie will nichts so sehr wie ein normales Leben mit schöner Wohnung, Klassenfahrten für die Kinder und einem Job im Supermarkt. Sie scheint zu ahnen, dass Farid, Mitte fünfzig und einst Kung-Fu-Meister, heute ein eher behäbiger Typ, beruflich vielleicht nicht wieder Fuß fassen wird. Manchmal fragt sie mich im Vertrauen: Farid – ist gut? Nicht gut? Wahida selbst ist energiegeladen und voll Anteilnahme gegenüber Lehrkräften und den anderen Teilnehmern; und auch im Gespräch mit ihren meist arabischsprachigen Mitschülern kämpft sie sich so beflissen wie notgedrungen durchs Deutsche. Gleich in der ersten Stunde fragte sie, noch halb pantomimisch, wie sie ihren Nachbarn nach dem Befinden seiner kranken Mutter fragen könne. Ich übte mit ihr die Wendung „Wie geht es Ihrer Mutter?“, und als ich mich ein paar Tage später erkundigte, wie das Gespräch gelaufen war, sprach Wahida mit lebhaften Gesten des Bedauerns: Tut, tut! Alles tut! – und ich kapierte erst nicht, dass die alte Dame gestorben war. Wahida und Farid sind dann sogar zur Beerdigung gegangen.
Ich habe lange nicht bemerkt, dass Wahida das Deutschlernen auch deshalb so schwer fällt, weil sie nicht richtig lesen kann. Wochenlang saß sie mit Farid über das gemeinsame Lehrbuch gebeugt, der seinerseits im Lückentext mehr mit Glückstreffern punktete als mit Lernerfolgen, und beider Zeigefinger und Bleistiftspitzen hielten ängstlich die Zeile fest. Wahida stand der Schweiß auf der Stirn und Farid nickte bei jeder Frage und rückte an seiner silbernen Brille. Einmal sagte er so gravitätisch, dass ich zwischen Lachen und Scham schwankte: Mein Lieblingsbuch ist das Deutschbuch. – Ein andermal sprach ich über Vergangenheitsformen und fragte: Sie sind in Weißenfels. Wo waren Sie vor zehn Jahren? Die Teilnehmer antworteten nacheinander: Ich war in Syrien, in Aleppo, in Latakia; dann kam Wahida an die Reihe, die das Geschehen mit gerunzelter Stirn verfolgte hatte, und sagte mit Loriot’schem Ernst: Ich bin zweiundvierzig Jahre alt.
Als immer klarer wurde, dass Wahida den Stoff nicht recht bewältigen kann, habe ich mir aus den langen, immer neuen Gesprächsversuchen mit Wahida und Farid, die wahrscheinlich für alle Beteiligten etwas mühevoll waren, diesen Gang der Dinge zusammengesetzt: Wahida ist nicht zur Schule gegangen. Der Weg zur Mädchenschule, die sie anfangs besuchte, war nicht sicher; deshalb behielten die Eltern Wahida und ihre sieben Schwestern lieber zu Hause. Die arabischen Buchstaben hat sie sich aus Heften und Büchern selbst beigebracht. Dass die lateinischen Buchstaben und das Lesen von Sätzen und kleinen Texten völlig neu für sie sind, scheint im Einstufungstest nicht aufgefallen zu sein.
Wie bei den meisten Paaren, mit denen ich zu tun habe, ist bei ihnen der Mann für alles Schriftliche zuständig. Dass Farid fließend Persisch lesen und schreiben kann, bewundert Wahida sehr – umso anrührender, als auch Farids Kampf um die deutsche Sprache kein leichter ist. Viele meiner Aufgabenstellungen zogen lautes panisches Flüstern vonseiten des Ehepaars nach sich; und allzu oft gab Farids Bleistiftspitze nachdrücklich die Antwort vor. Wahida war die einzige Frau im Kurs, und so war es ohnehin eine Kavalierssache, dass ein Großteil des restlichen Kurses ihr die richtige Antwort entgegen gerufen, geflüstert, gezischt hat. Einmal hat Wahida mir anvertraut, dass sie schlimmes Herzklopfen und Augenzucken bekomme, wenn ich sie aufrufe; ich war sehr getroffen.
Nach einer Weile ist Wahida in einen Alphabetisierungskurs gewechselt. Strahlend marschierte sie mit ihrem ABC-Buch zum neuen Kurs, wo sie nun in der ersten Reihe sitzt und absolutes Engagement fordert – von ihrer Lehrerin wie von den anderen Teilnehmern. Die Kollegin, die den Alphakurs unterrichtet, erzählt, wenn zu viel geschwatzt und Unsinn getrieben wird, drehe Wahida sich um und sage gebieterisch: Wir lernen hier!
In der Pause kommt sie oft zu mir und wir schütteln einander die Hände. Ist Ihr Kurs gut, Wahida? – Ja, ist gut. Aber schwer, schwer!
Manchmal wirkt sie erschöpft: Es seien doch sehr viele Treppen bis zur neuen Wohnung im vierten Stock. Und Farid sagt, oh, Wahida immer lernen, Deutschbuch, Fernsehen, Frauencafé, ganzen Tag! Aber schwer, sehr schwer. – Die neue Lehrerin möge sie im Unterricht häufiger aufrufen, damit sie besser lerne. Sie wäre so gerne bald Verkäuferin im Supermarkt.

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