Zainab

Neben Wahida gibt es Zainab, die mich beschäftigt. Das Erste, was ich über Zainab erfuhr, waren die fassungslosen Worte meines Vorgesetzten: Die ist 24, und ihr ältestes Kind ist elf.
Dass Zainab mit zwölf, maximal dreizehn Jahren verheiratet wurde, ist tatsächlich eine Tatsache, über die ich dauerhaft nicht hinwegkomme. Sie sitzt in meinem Hinterkopf und begleitet alle Erlebnisse, die ich mit Zainab habe, und alles Nachdenken über sie.
Zainab kommt nicht, wie ich zuerst vermutet habe, aus einer armen ländlichen Gegend, in der es keine andere Versorgungsmöglichkeit für Töchter gegeben hätte, sondern aus Damaskus – derselben Stadt, wo ihre Banknachbarin Jura studiert und ein anderer Teilnehmer ausgezeichnet Englisch gelernt hat: ebenfalls an der Uni und motiviert durch seine Begeisterung für die Sängerin Adele.
Die Gleichzeitigkeit von Moderne und religiös-traditionalistischer Antimoderne, die es in der syrischen Vorkriegsgesellschaft anscheinend gegeben hat, ist nicht leicht zu verstehen. Beispielweise ist es verboten, Kinder zu schlagen (sofern es nicht die eigenen sind) – und doch erzählen sie, alle seien sie in der Schule geschlagen worden, für Aufmüpfigkeit und bloßes Unwissen und systematisch auf die vorderen Fingerglieder. Ähnlich verwirrend waren die Reaktionen, als ich das Wort „Kneipe“ erklärte. Einige riefen: Niemand trinkt Alkohol! Alkohol ist nicht Islam! Andere winkten ab: Doch, doch, sie trinken Alkohol, Männer und Frauen, normal.
Letztere Stimmen sind allerdings in der Minderzahl. Es gibt, das ist mein Eindruck, so etwas wie einen islamischen Konsens, dem öffentlich kaum jemand widerspricht, während die private Auslegung bei vielen dann doch etwas freier ist; und die paar Christen und Atheisten treten kaum als solche in Erscheinung. Gut sichtbar wird das jetzt im Ramadan. Es ist ein bisschen lustig, wie erstaunt die Leute sind, dass sie als Betende und Fastende plötzlich in der gesellschaftlichen Minderheit sind; und dass es für Irritationen sorgt, wenn sie Abwesenheiten, verpasste Termine und nicht gemachte Hausaufgaben damit begründen, dass sie aus religiösen Gründen einen geschlagenen Monat lang ihre körperlichen Grundbedürfnisse vernachlässigen. Nach drei Wochen Ramadan stehen auch wieder Tassen in der Spüle, und ein älterer kurdischer Teilnehmer erklärt mir ausführlich seine verschiedenen Zipperlein, die ihn vom Fasten abhalten, und holt sich eine Zigarette aus der Hemdtasche und wandert hinaus auf die sonnige, gottverlassene Terrasse. Mein Vorgesetzter, der schnell fassungslos ist, meint, die muslimische Janusköpfigkeit erinnere ihn an die DDR.
Zainab aber, scheint es, steht vollen Herzens hinter dem Ramadan und hinter Allah. Im Unterricht fallen ihr fast die Augen zu, weil sie trotz Hunger und Durst nach dem Unterricht nicht ruhen und sinnieren kann wie die Männer, sondern das abendliche Festmahl zubereiten muss; deshalb macht sie ihre Hausaufgaben in fliegender Hast noch im Kursraum. – Ihre frühe Eheschließung mag damit zu tun haben, dass sie vermutlich aus einer religiösen Familie kommt und diese Religiosität recht ungebrochen weiterführt. Ich glaube, Zainab ist nicht die Frau, die sich gegen grundsätzliche Dinge zur Wehr setzt. Sie klagt zuweilen und hat schlechte Laune; aber islamische Richtlinien bleiben doch so selbstverständlich wie der Deutschkurs, an dem sie eifrig und pflichtbewusst teilnimmt.
Einmal proklamierte ein Teilnehmer, der mit mangelnder Affektkontrolle zu kämpfen hat, mitten im Unterricht: Es gibt keinen Gott außer Allah – richtig?
Ja, der Satz ist richtig, mit Akkusativ. Aber das ist verschieden, ich sage zum Beispiel: Es gibt keinen Gott.
Abdullah sieht mich entgeistert an, ein Anderer ruft spontan: Nicht gut! Abdullah sammelt sich: Warum sind in Europa viele Menschen, die Gott verloren haben?
Alle Menschen streben nach Allah, sagt Zainab über ihr Handy hinweg, wo sie, vermute ich, das Verb nachgeschlagen hat. Ihre Stirn ist gerunzelt wie immer, wenn sie nicht mit mir einverstanden ist.

In Syrien liegt das offizielle Heiratsalter für Frauen bei 17, für Männer bei 18 Jahren – aber auch diese Gesetzgebung, scheint mir, existierte schon vor dem Krieg relativ abgekoppelt von der sozialen Realität. Der Staat reicht nicht in diese privaten Angelegenheiten herein; umso wichtiger sind familiäre Verhältnisse. Im Kurs betonte ich, dass das Heiratsalter in Deutschland ebenfalls bei 18 liege und nicht unterschritten werden dürfe; wie das in Syrien möglich gewesen sei? Und Zainab schmunzelte und rieb die Finger der linken Hand aneinander, das internationale Zeichen für den kleinen Geldfluss, der vieles möglich macht. Zu beachten ist dabei, dass sie, wie viele Frauen in den Kursen, kein eigenes Konto hat, ja nicht einmal Zugriff auf das Konto ihres Mannes. Auf meine – zurückhaltend geäußerte – Verwunderung sagte sie fast trotzig: Mein Mann gibt mir alles Geld, für Essen, für Einkaufen.
Was mich an Zainab beschäftigt, ist generell die Tatsache, dass sie ihre Lebensumstände, die doch objektiv scheiße sind, nicht ganztägig bejammert und verflucht. Sie spricht genervt, aber auch mit Wärme und Stolz von ihren vier Kindern, allesamt Mädchen. Das schließt nicht aus, dass sie gern einmal ohne Familie Urlaub machen würde: in Hamburg, sagt sie, und sie würde im Zelt schlafen, weil das billiger wäre, und auf der Straße tanzen … Dann lacht sie über diese unmögliche Vorstellung.
Zainab trägt ein Kopftuch, ein strenges mit Untertuch, aber es ist pink oder türkis und Teil ausgeklügelter Farbensembles mit langärmligen Kleidern, Hosen, bunten Ballerinas, Lidschatten und Schmuck. Ihr Mann, den ich nur einmal schemenhaft gesehen habe, ist vielleicht zehn Jahre älter, und er hütet die Kinder, wenn Zainab im Kurs ist: Mein Mann sagt, ich soll gut Deutsch lernen.
Dass Zainab die Schule nach der sechsten Klasse verlassen hat, um zu heiraten, macht sich im Deutschkurs bemerkbar. Wie Wahida fällt ihr das Lernen nicht leicht – obwohl sie noch keinen Tag gefehlt hat und die Ungerechtigkeit, dass viel lernen nicht immer zum Erfolg führt, ihr schwer zu schaffen macht. Seit wir das deutsche Notensystem besprochen haben, will sie Noten von mir haben, Einser natürlich, und ist außer sich, wenn es nur zu einer Vier gereicht hat.
Zainab ist eine sehr präsente Zutat des Kurses, ihre wechselnden Stimmungen schwappen leicht auf die Anderen über. Vor einer Weile haben wir uns auf die Regel geeinigt „Der Kurs spricht 80% Deutsch“ – nach zähen Verhandlungen, die besonders von den persisch- und somalischsprachigen Teilnehmern unterstützt wurden. Zainab weigerte sich, die Abmachung zu unterschreiben. Zu gerne führt sie lange und emotionsgeladene Reden auf Arabisch, vermutlich des Inhalts, dass ja kein Mensch verstehe, was die Lehrerin – ich – da Komisches erkläre. Wenn ich sie dann bitte, mir ihr Problem zu erläutern, lehnt sich Zainab zurück, verschränkt die Arme und schaut mich finster an: Ich verstehe nicht. Manchmal legt sie auch den Kopf auf die Arme und reagiert nicht mehr. Dann sehe ich in ihr die überforderte Zwölfjährige, die von der Schule gegangen ist. Es wäre kein Wunder, wenn neben den Anforderungen von Ehe und Mutterschaft kein Platz geblieben wäre, um geistig zu reifen. Ich denke an die harte Zeit im Libanon, von der sie erzählte, wo sie keinerlei Einkünfte gehabt hätten, und wie sie schließlich mit ihrem Mann, an jeder Hand eine Tochter, die deutsche Grenze überschritten habe. Die zwölfjährige, vierundzwanzigjährige Zainab rührt und ärgert mich.
Einmal schnitt sie in einem kleinen Test schlecht ab und tupfte sich mit einem Taschentuch im Gesicht herum, um die Tränen zu tilgen, ohne dabei das Make-up zu beschädigen. Nach dem Unterricht ging ich zu ihr und wiederholte, dass es kein Problem sei, einmal nicht gut verstanden zu haben; das ginge allen so und wir würden die Grammatik am nächsten Tag wiederholen. Zainab sah mich anklagend an: Ich lerne jeden Tag. Bitte, sehen Sie. – Und sie zeigte mir die verschiedenen Deutschlern-Apps auf ihrem Handy. Ich sah ihr Hintergrundbild: ein Zainab-Selfie, die freie Hand im wallenden braunen Haar, und mit einem Gesichtsausdruck zwischen naiv und lasziv.
Auf der anderen Seite ist sie von einer lebens- und lachlustigen Sekretärinnenhaftigkeit und leicht zum Lachen zu bringen; manchmal muss ich mich bremsen, es nicht allzu sehr zum Ziel meines Unterrichts zu machen, Zainab bei Laune zu halten. Als versierte Pädagogin spreche ich ab und zu arabische, persische und somalische Übersetzungen nach, die die Teilnehmer einander zurufen. Es dient der Relativierung, dass ich natürlich nur im Deutschen die einzige kompetente Sprecherin im Raum bin; und es dient der Auflockerung, wenn sie dann über meine gräulich falsche Aussprache lachen und mir auf die Schnelle Kehllaute beibringen wollen. – Eines Tages hielt es Abdullah nicht mehr an seinem Platz, er sprang auf und begann, das arabische Alphabet an die Tafel zu schreiben. Sagen Sie: alif, ba, ta … Ich ließ mich darauf ein, und Zainab kicherte vergnügt, die beringte Hand vorm Mund,  wie ich alles durcheinanderbrachte.
Nachrichten schaut sie nicht. Wenn ich den Kurs auffordere, sich bis zum nächsten Tag die Tagesschau anzusehen und ein paar Notizen zu machen, hebt Zainab die Hände; schlecht, immer schlecht, sagt sie. Weil sie Zainab ist, ignoriert sie dann meine Hausaufgaben als Zumutung.

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