Wisentgebiet

Mein Lieblingstier ist der Wisent. Ich begegnete ihm zuerst in einem kühlen Frühjahr im äußersten Osten Polens, wo der letzte Rest europäischen Urwalds steht. Mittlerweile hat die polnische Regierung, die auf konsequente Naturbeherrschung setzt, große Teile davon abgeholzt. Aber damals standen sie noch unter Schutz: Linden und Eichen, dazu recht kahles, moosbewachsenes Unterholz, und an den Waldrändern befanden sich Schilder mit der Aufschrift Uwaga! Kraina Żubra, „Achtung, Wisentgebiet“.
Wir kamen nachts im Städtchen Białowieża an, nach vielen Stunden Autofahrt; unterwegs war uns kein Wisent begegnet, sondern Wald, Wald, tiefe Dunkelheit und ein Elch, der sich unwillig vom Scheinwerferlicht wegdrehte. Nur eine dünne rote Blechwand – ein Gehäuse mit vier Menschen, verbrauchter Luft und Kekskrümeln – trennte uns von diesem Übermaß an Natur. Zehn Kilometer weiter östlich lag die Außengrenze der EU. Białowieża bestand aus einer Handvoll Häusern, eins davon war die Jugendherberge, wo ausgestopfte Tiere herumstanden und weich gefederte Betten einen verschlangen. Vor der Tür und vor den Fenstern stand eine schwarze Wand, hinter der es leise rauschte, raschelte und pfiff. Unser Nachtspaziergang führte nicht weit, es war zu unheimlich dort draußen.
Am Morgen erinnerte der polnische Urwald eher an den Leipziger Auwald als an einen märchenhaften Finsterwald. Eine pensionierte Deutschlehrerin namens Frau Maria führte uns herum, hielt ihre Handtasche sehr gerade und referierte Sachkundiges: Hier sehen Sie eine hundert Jahre alte Linde, hier ein braunes, weil eisenhaltiges Flüsschen, hier den Platz, wo viele Partisanen erschossen wurden, und dort eine Gruppe junger Eichen … Als wir von der Tour zurückkehrten, hielt uns ein Rentner mit roter Säufernase selbstgeschnitzte Holzwisente entgegen; ich kaufte eins. Nein, sagte Frau Maria, als wir auf die Uwaga!-Schilder zeigten: Wisente gebe es in diesem Bezirk nicht mehr, dazu müssten wir einen anderen, als Nationalpark deklarierten Teil des Waldes besuchen. In diesem Moment reifte es in mir zu einem festen Vorhaben, die Wisente zu sehen.
Es bleibt zu erwähnen, dass der Zweck dieser Reise darin lag, verschiedene Konzentrationslager zu besichtigen und dabei Informationen für zukünftige Bildungsreisen zu sammeln. Wir hatten die Vernichtungslager Treblinka und Sobibór im polnischen Hinterland besucht, von denen die Leute im benachbarten Plattenbau nichts wussten. Bełżec und Majdanek standen uns noch bevor, ebenso – als krönender Abschluss – die Renaissancestadt Zamość, der Geburtsort Rosa Luxemburgs. Abgesehen von Zamość hielt ich diesem Programm nicht gut stand. Aus historischem Pflichtgefühl als deutsche Linke setzte ich mich diesen Orten aus und überforderte mich und warf mir meine Überforderung vor. Ich will an dieser Stelle nicht versuchen, die richtigen Worte für diese Erfahrung zu finden. Wenn ich jetzt, sieben Jahre später, an unsere Reise zurückdenke, fällt mir neben der Überforderung auf, dass etwas Jugendliches, fast Träumerisches in der Erinnerung liegt, wie wir mit dem kleinen roten Micra – Supermicra genannt– über die schlechten Straßen gebrettert sind. Ich war Studentin, noch nicht in erster Linie Arbeitnehmerin; der gesellschaftliche Rechtsruck war noch nicht unignorierbar präsent und Polen noch nicht so stracks auf dem Weg in den Autoritarismus wie heute. Der EU-Beitritt lag nicht lange zurück, 2008 hatte die Warschauer Polizei zum ersten Mal konsequent einen Christopher Street Day beschützt, vor Nazis wie vor stockschwingenden katholischen Omas, und viele hatten Hoffnung. Das änderte natürlich nichts daran, dass es arg war, die Überreste der nationalsozialistischen Vernichtungslager zu sehen; ich fror sehr viel auf dieser Reise. Aber es war gut, am Tag nach dem Ausflug mit Frau Maria den Wisenten zu begegnen.
Der Wisent ist kleiner als der nordamerikanische Bison, er hat einen mächtigen Kopf, einen beeindruckenden Buckel und fällt dann nach hinten etwas ab. Er hat große Nasenlöcher, aus denen es leise schnaubt, und ist wunderbar zottig. Sofern ein Wisent-Kuh-Gemisch vorliegt, ist er größer, noch zottiger, fast schwarz und heißt żubroń. Diese Wisentkühe, die das Potenzial zu einem robusten, nahezu anspruchslosen Nutztier haben, sind das Allerschönste: stark gebaut, mit mächtigem, hübsch gehörntem Schädel. Beide, żubr wie żubroń, verständigen sich mit Rülpslauten und kauen schnaufend Gras und Heu in sich hinein. Die schönen Tiere eignen sich sehr gut, um Eigenschaften wie Geduld, Toleranz, Gemütsruhe zu illustrieren, empfand ich, knöcheltief im feuchten Waldboden versinkend. Laut Frau Maria fressen Wisente am liebsten Buschwindröschen.
Das Andere, was mich am Wisent melancholisch macht, ist die Verletzlichkeit der Art. Der Wisent ist eigentlich ein ausgestorbenes Tier, das nur dank einigen in Zoos und Wildparks erhaltenen Exemplare erhalten blieb und wieder ausgewildert werden konnte. Solchermaßen rückgekehrt, stehen sie im Białowieża-Nationalpark herum und käuen wieder: schön, massiv, etwas unter Inzucht leidend, aber gleichwohl stabil. Im Angesicht eines Wisents zu zweifeln und zu schwanken ist fast nicht möglich. Ich verließ Białowieża mit einem warmen Gefühl.
Drei Tage später war alles überstanden. In Zamość logierten wir in einem kleinen Bungalow, ich schlief direkt unterm einzigen Fenster, das weit offen stand, und befand mich wohl. Ich hatte meinen Holzwisent im Gepäck, und Mona hatte mir versichert, dass zu Hause im Wildpark ebenfalls Wisente stünden.

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