„Heiter sein, selbstironisch, leicht maliziös, unauslöschbar“

… das nimmt sich Claire vor, die Buchhändlerin aus Alice Munros Erzählung Die albanische Jungfrau.
Schon immer habe ich Erzählungen weniger gern gelesen als Romane, weil es sich nicht im selben Maß lohnt, die Figuren ins Herz zu schließen; ein Band Erzählungen enthält zu viele Abschiede. Ich weiß nicht, ob es eine Reaktion auf diese Flüchtigkeit ist, dass ich alle Bücher von Alice Munro, die ich gelesen habe, besitze. Das ist ungewöhnlich; ich kaufe nicht sehr viele Bücher, und fast gar nicht systematisch. Die Bücher in meiner Schrankwand sind in weiten Teilen ein Konglomerat aus Geschenken und Lustkäufen. Von Alice Munro aber besitze ich zehn Bände – und kann nicht einmal ihre Titel hersagen. Wenn ich ein weiteres Buch von ihr lesen möchte, muss ich in meinem eigenen Bücherregal nachschauen, welche ich schon gelesen habe.
Alice Munros Erzählungen zwingen zu langsamem und portioniertem Lesen. Munro kann man nicht fressen; denn immer neu entfaltet sich ihre Magie, und schnell verflüchtigt sie sich wieder. Obwohl ich ihre Geschichten sehr bewundere, vergesse ich sie rasch. Sie flimmern vorüber, hinterlassen eine anziehende Reihung von Adjektiven, eine überraschende Farbkombination; das Bild einer alten Frau namens Grace oder Eileen, die im Nachthemd vor dem Haus steht, in dem sie geboren wurde, irgendwo am Rand eines kanadischen Provinznests.
Alice Munros Erzählungen sind fast alle in Kanada angesiedelt, meist im Ländlichen, meist irgendwo zwischen dem 19. Jahrhundert – der Zeit der europäischen Landnahme –, den Weltkriegen und der Gegenwart. Meine Freundin Mona hat mir meinen ersten Band Munro geschenkt, Die Liebe einer Frau, wohl in der Annahme, es handle sich um einen Lesbenroman. Tatsächlich kommen bei Munro fast keine Lesben vor, aber immer Frauen: Bibliothekarinnen, Hausfrauen, heimliche Dichterinnen, Oberschülerinnen, all die Mädchen vom Dorf, die sich ihrer Mütter, ihrer altmodischen Unterwäsche, ihrer Armut schämen. Sie sind miteinander verbunden durch Claires Anspruch, zugleich heiter und unauslöschbar sein zu wollen. Munro spielt diese komplizierte Mischung aus Anpassungs- und Originalitätswunsch, dem Bedürfnis, eine eigene, unverwechselbare Person zu sein, in immer neuen Varianten und Konstellationen durch. Die Bestimmung zum Frausein widerspricht der Bestimmung, sich in der Welt zu verwirklichen – so hat Simone de Beauvoir diesen Widerspruch benannt, den man wohl als konstitutiv für weibliche Biographien im kapitalistischen Patriarchat annehmen kann.
In der frühen Erzählung Das gefundene Boot treiben zwei Mädchen, die nachmittags in der Nähe ihrer Siedlung herumstrolchen, ein Boot auf und verfolgen anschließend, wie die Jungen sich daranmachen, es instand zu setzen. Wochenlang sehen sie ihnen dabei zu, halbdistanziert auf Zäunen sitzend, dürfen gelegentlich Hilfsdienste verrichten und rufen ab und zu hinüber, dass sie es seien, die das Boot gefunden hätten. Die Kraft, einen aktiven Besitzanspruch zu entfalten, fehlt ihnen bereits; sie entschädigen sich mit pubertären Phantasien:
„Während Clayton arbeitete, kühlte der Teer ab und verdickte sich, so dass er den Pinsel nicht mehr bewegen konnte. Er wandte sich an Eva, hielt ihr den Topf hin und sagte: ‚Du kannst mal reingehen und den auf dem Herd heißmachen.‘ […] Eva nahm den Topf, […] sie hob die Herdplatte mit dem Heber, nahm den Feuerhaken und schürte die Glut zu Flammen. Sie fühlte sich bevorzugt. In diesem Augenblick und noch danach. Vor dem Einschlafen kam ihr ein Bild von Clayton in den Sinn; sie sah ihn rittlings auf dem Boot sitzen und den Teer verstreichen, konzentriert und sorgfältig, ganz in Anspruch genommen. Sie dachte daran, wie er sie angesprochen hatte aus seiner Abgeschiedenheit, in einem so normalen, friedlichen, selbstverständlichen Tonfall.“
Der Bootsfund macht Eva und Carol ihre Position als junge Mädchen klar, die sich nicht mehr für ernsthafte Tätigkeiten eignen und von den Jungen dafür eine andere Art der Aufmerksamkeit erhalten – wenigstens ab und zu. In diese Erkenntnis mischt sich eine vage Vorstellung von Freiheit, einer neuen Kraft, vielleicht Unauslöschbarkeit:
„‘Wagt ihr es‘, sagte Frank vom Eingang her, ‚wagt ihr es alle?‘ ‚Was?‘ ‚Eure Sachen auszuziehen.“ Eva und Carol kreischten. […] Eva, als Erste nackt, rannte über die Wiese, und dann rannten alle los, alle fünf rannten sie durch das kniehohe Gras auf den Fluss zu. […] Sie fühlten sich, als würden sie gleich von einer Klippe springen und fliegen. Sie fühlten, dass ihnen etwas widerfuhr, das anders war als alles, was ihnen bislang widerfahren war, und es hatte etwas mit dem Boot zu tun, mit dem Wasser, dem Sonnenlicht, dem dunklen, kaputten Bahnhof und mit ihnen allen. Sie dachten voneinander jetzt kaum noch als Namen oder Personen, sondern als hallende Schreie, Lichtspiegelungen, alle wagemutig und weiß und laut und schamlos, schnell wie Pfeile. Sie rannten ohne innezuhalten ins kalte Wasser […] Tauchend, schwebend, jeder für sich, glitten sie durchs Wasser, geschmeidig wie Nerze.“
Die Kleinstadtlangeweile, der bis zur Hoffnungslosigkeit monotone Alltag der Jugendlichen und der Frauen, erinnert mich an Carson McCullers; die nachhallende Sinnlichkeit der Darstellung an Vladimir Nabokov.
Die albanische Jungfrau, eine der erfolgreichsten Erzählungen Munros, ist ihres außerkanadischen Schauplatzes wegen eine Ausnahme. Aber auch hier werden die Szenen in Albanien mit denen in Claires Buchladen in einem Städtchen in British Columbia kontrastiert – in der großzügig assoziativen Manier, die typisch für Alice Munro ist: Die Assoziationen sind dicht gewebt, aber sie geben keinen notwendigen Zusammenhang vor, der durch kriminalistisches Lesen aufspürbar wäre. Sie ergeben ein Bild, das innerlich summt vor Dynamiken zwischen verschiedenen Protagonistinnen, Zeiten und Orten, und darin stimmig ist; die Erzählung schlägt einen Zusammenhang vor, maßt sich aber nicht an, die Leute bis auf den Grund auszuleuchten. Alice Munro kriecht nicht in ihre Protagonistinnen hinein – was, wie Thomas Mann einmal bemerkte, sowieso eine Unhöflichkeit ist –; in den späten Werken schreibt sie immer weniger psychologisch. Wer weiß schon genau, ob Lottar, die Touristin, die in Albanien vom Weg abkam, dort jahrelang in einem archaischen Dorf lebt und schließlich mit einem schweigsamen Franziskaner durchbrennt, identisch mit Claires wunderlicher alter Kundin Charlotte ist? Im Gedächtnis bleiben die Ziegen und das Geröll der albanischen Berge; und das Chaos in Charlottes Wohnung, wo Claire sie pflichtbewusst besucht, das unbestimmbare Glimmen in den Augen ihres Mannes, die exzentrische Armut der beiden Alten.
Wenn eine Erzählung vorbeigeflimmert ist, bleibt das Gefühl, etwas Schönes und Trauriges gelesen zu haben. Vielleicht ist das der Grund, dass Alice Munro unter anderem meine Liebeskummerautorin ist: Sie kultiviert das Melancholische und gibt ihm zugleich eine flüchtige, vorbeiflimmernde Substanz.
Alice Munro, geboren 1931, hat vor einigen Jahren aufgehört zu schreiben. „Nach Liebes Leben wird es keine weiteren Bücher geben. […] Schreiben ist sehr anstrengend, und es ermüdet. […] Ich habe das Gefühl, getan zu haben, was ich wollte, und das macht mich ziemlich zufrieden.“ Es gibt also ein Gesamtwerk, eine genau umgrenzte Anzahl von Erzählungen; die ersten wurden 1974 publiziert, die letzten 2012. Neben dem Kauf ihrer Bücher ist die Tatsache, dass Alice Munro ihrem Schreiben einen Endpunkt gesetzt hat, vielleicht der zweite Einwand gegen die unübersichtliche Flüchtigkeit ihrer Erzählungen.

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