„Heiter sein, selbstironisch, leicht maliziös, unauslöschbar“

… das nimmt sich Claire vor, die Buchhändlerin aus Alice Munros Erzählung Die albanische Jungfrau.
Schon immer habe ich Erzählungen weniger gern gelesen als Romane, weil es sich nicht im selben Maß lohnt, die Figuren ins Herz zu schließen; ein Band Erzählungen enthält zu viele Abschiede. Ich weiß nicht, ob es eine Reaktion auf diese Flüchtigkeit ist, dass ich alle Bücher von Alice Munro, die ich gelesen habe, besitze. Das ist ungewöhnlich; ich kaufe nicht sehr viele Bücher, und fast gar nicht systematisch. Die Bücher in meiner Schrankwand sind in weiten Teilen ein Konglomerat aus Geschenken und Lustkäufen. Von Alice Munro aber besitze ich zehn Bände – und kann nicht einmal ihre Titel hersagen. Wenn ich ein weiteres Buch von ihr lesen möchte, muss ich in meinem eigenen Bücherregal nachschauen, welche ich schon gelesen habe.
Alice Munros Erzählungen zwingen zu langsamem und portioniertem Lesen. Munro kann man nicht fressen; denn immer neu entfaltet sich ihre Magie, und schnell verflüchtigt sie sich wieder. Obwohl ich ihre Geschichten sehr bewundere, vergesse ich sie rasch. Sie flimmern vorüber, hinterlassen eine anziehende Reihung von Adjektiven, eine überraschende Farbkombination; das Bild einer alten Frau namens Grace oder Eileen, die im Nachthemd vor dem Haus steht, in dem sie geboren wurde, irgendwo am Rand eines kanadischen Provinznests.
Alice Munros Erzählungen sind fast alle in Kanada angesiedelt, meist im Ländlichen, meist irgendwo zwischen dem 19. Jahrhundert – der Zeit der europäischen Landnahme –, den Weltkriegen und der Gegenwart. Meine Freundin Mona hat mir meinen ersten Band Munro geschenkt, Die Liebe einer Frau, wohl in der Annahme, es handle sich um einen Lesbenroman. Tatsächlich kommen bei Munro fast keine Lesben vor, aber immer Frauen: Bibliothekarinnen, Hausfrauen, heimliche Dichterinnen, Oberschülerinnen, all die Mädchen vom Dorf, die sich ihrer Mütter, ihrer altmodischen Unterwäsche, ihrer Armut schämen. Sie sind miteinander verbunden durch Claires Anspruch, zugleich heiter und unauslöschbar sein zu wollen. Munro spielt diese komplizierte Mischung aus Anpassungs- und Originalitätswunsch, dem Bedürfnis, eine eigene, unverwechselbare Person zu sein, in immer neuen Varianten und Konstellationen durch. Die Bestimmung zum Frausein widerspricht der Bestimmung, sich in der Welt zu verwirklichen – so hat Simone de Beauvoir diesen Widerspruch benannt, den man wohl als konstitutiv für weibliche Biographien im kapitalistischen Patriarchat annehmen kann.
In der frühen Erzählung Das gefundene Boot treiben zwei Mädchen, die nachmittags in der Nähe ihrer Siedlung herumstrolchen, ein Boot auf und verfolgen anschließend, wie die Jungen sich daranmachen, es instand zu setzen. Wochenlang sehen sie ihnen dabei zu, halbdistanziert auf Zäunen sitzend, dürfen gelegentlich Hilfsdienste verrichten und rufen ab und zu hinüber, dass sie es seien, die das Boot gefunden hätten. Die Kraft, einen aktiven Besitzanspruch zu entfalten, fehlt ihnen bereits; sie entschädigen sich mit pubertären Phantasien:
„Während Clayton arbeitete, kühlte der Teer ab und verdickte sich, so dass er den Pinsel nicht mehr bewegen konnte. Er wandte sich an Eva, hielt ihr den Topf hin und sagte: ‚Du kannst mal reingehen und den auf dem Herd heißmachen.‘ […] Eva nahm den Topf, […] sie hob die Herdplatte mit dem Heber, nahm den Feuerhaken und schürte die Glut zu Flammen. Sie fühlte sich bevorzugt. In diesem Augenblick und noch danach. Vor dem Einschlafen kam ihr ein Bild von Clayton in den Sinn; sie sah ihn rittlings auf dem Boot sitzen und den Teer verstreichen, konzentriert und sorgfältig, ganz in Anspruch genommen. Sie dachte daran, wie er sie angesprochen hatte aus seiner Abgeschiedenheit, in einem so normalen, friedlichen, selbstverständlichen Tonfall.“
Der Bootsfund macht Eva und Carol ihre Position als junge Mädchen klar, die sich nicht mehr für ernsthafte Tätigkeiten eignen und von den Jungen dafür eine andere Art der Aufmerksamkeit erhalten – wenigstens ab und zu. In diese Erkenntnis mischt sich eine vage Vorstellung von Freiheit, einer neuen Kraft, vielleicht Unauslöschbarkeit:
„‘Wagt ihr es‘, sagte Frank vom Eingang her, ‚wagt ihr es alle?‘ ‚Was?‘ ‚Eure Sachen auszuziehen.“ Eva und Carol kreischten. […] Eva, als Erste nackt, rannte über die Wiese, und dann rannten alle los, alle fünf rannten sie durch das kniehohe Gras auf den Fluss zu. […] Sie fühlten sich, als würden sie gleich von einer Klippe springen und fliegen. Sie fühlten, dass ihnen etwas widerfuhr, das anders war als alles, was ihnen bislang widerfahren war, und es hatte etwas mit dem Boot zu tun, mit dem Wasser, dem Sonnenlicht, dem dunklen, kaputten Bahnhof und mit ihnen allen. Sie dachten voneinander jetzt kaum noch als Namen oder Personen, sondern als hallende Schreie, Lichtspiegelungen, alle wagemutig und weiß und laut und schamlos, schnell wie Pfeile. Sie rannten ohne innezuhalten ins kalte Wasser […] Tauchend, schwebend, jeder für sich, glitten sie durchs Wasser, geschmeidig wie Nerze.“
Die Kleinstadtlangeweile, der bis zur Hoffnungslosigkeit monotone Alltag der Jugendlichen und der Frauen, erinnert mich an Carson McCullers; die nachhallende Sinnlichkeit der Darstellung an Vladimir Nabokov.
Die albanische Jungfrau, eine der erfolgreichsten Erzählungen Munros, ist ihres außerkanadischen Schauplatzes wegen eine Ausnahme. Aber auch hier werden die Szenen in Albanien mit denen in Claires Buchladen in einem Städtchen in British Columbia kontrastiert – in der großzügig assoziativen Manier, die typisch für Alice Munro ist: Die Assoziationen sind dicht gewebt, aber sie geben keinen notwendigen Zusammenhang vor, der durch kriminalistisches Lesen aufspürbar wäre. Sie ergeben ein Bild, das innerlich summt vor Dynamiken zwischen verschiedenen Protagonistinnen, Zeiten und Orten, und darin stimmig ist; die Erzählung schlägt einen Zusammenhang vor, maßt sich aber nicht an, die Leute bis auf den Grund auszuleuchten. Alice Munro kriecht nicht in ihre Protagonistinnen hinein – was, wie Thomas Mann einmal bemerkte, sowieso eine Unhöflichkeit ist –; in den späten Werken schreibt sie immer weniger psychologisch. Wer weiß schon genau, ob Lottar, die Touristin, die in Albanien vom Weg abkam, dort jahrelang in einem archaischen Dorf lebt und schließlich mit einem schweigsamen Franziskaner durchbrennt, identisch mit Claires wunderlicher alter Kundin Charlotte ist? Im Gedächtnis bleiben die Ziegen und das Geröll der albanischen Berge; und das Chaos in Charlottes Wohnung, wo Claire sie pflichtbewusst besucht, das unbestimmbare Glimmen in den Augen ihres Mannes, die exzentrische Armut der beiden Alten.
Wenn eine Erzählung vorbeigeflimmert ist, bleibt das Gefühl, etwas Schönes und Trauriges gelesen zu haben. Vielleicht ist das der Grund, dass Alice Munro unter anderem meine Liebeskummerautorin ist: Sie kultiviert das Melancholische und gibt ihm zugleich eine flüchtige, vorbeiflimmernde Substanz.
Alice Munro, geboren 1931, hat vor einigen Jahren aufgehört zu schreiben. „Nach Liebes Leben wird es keine weiteren Bücher geben. […] Schreiben ist sehr anstrengend, und es ermüdet. […] Ich habe das Gefühl, getan zu haben, was ich wollte, und das macht mich ziemlich zufrieden.“ Es gibt also ein Gesamtwerk, eine genau umgrenzte Anzahl von Erzählungen; die ersten wurden 1974 publiziert, die letzten 2012. Neben dem Kauf ihrer Bücher ist die Tatsache, dass Alice Munro ihrem Schreiben einen Endpunkt gesetzt hat, vielleicht der zweite Einwand gegen die unübersichtliche Flüchtigkeit ihrer Erzählungen.

Zeiten der Angst

Morgens beim Bäcker bestellt ein gutsituiert aussehender Graukopf ein Frühstück mit Kaffee, Wurst und Käse, und während er im Portemonnaie kramt, legt sein Handy plötzlich mit dem Deutschlandlied, erste Strophe los. Er schaut mit einer gewissen Hast um sich, drückt das Lied weg. In der Schlange wird getuschelt, war das grade wirklich Deutschland, Deutschland über alles, montagmorgens im hübschen Leipziger Westen? Eine Frau nickt, sagt, sie müsse aber schnell zur Arbeit. Die zwei jungen Männer hinter mir regen sich auf, ich bin froh drüber und mache mit. Einer der beiden geht zum Deutschlandfan und wird belehrt, das Abspielen der ersten Strophe sei nicht verboten, er solle sich mal informieren. Er kommt zurück und googelt, der andere junge Mann und ich stehen um ihn herum und regen uns weiter auf. Der Verkäufer bittet uns, zur Seite zu gehen, wir sagen, der Typ dort hat grade die erste Strophe des Deutschlandlieds gespielt, und der Verkäufer lacht ein bisschen, ach, mit so was kenne er sich gar nicht aus. Wenig später bittet er uns wieder, zur Seite zu gehen, wir machten ihn ganz nervös. Mittlerweile haben wir rausgefunden, dass es tatsächlich nicht verboten ist, die erste Strophe in der Öffentlichkeit zu spielen – sie gilt nur nicht als Nationalhymne. Der Engagierte geht zurück in die Schlange, ich bin fast froh, dass er nach dieser Information, entgegen seinem ersten Impuls, davon abgesehen hat, die Polizei zu rufen. Warum die Polizei rufen, dachte ich, die Chancen stehen gut, dass der Wurst- und Käsemann Beamter des Freistaates Sachsen ist.

Die Zeiten werden dunkler. Ereignisse in Leipzig, Dessau, Clausnitz, aber auch in Hamburg und in Frankfurt am Main haben gezeigt, wie es sich immer wieder mit den demokratischen und rechtsstaatlichen Grundsätzen der Polizei verhält, sobald es um Migranten und Linke geht; seither ist mein Misstrauen gegenüber Uniformierten noch gestiegen. Und schlimmer noch: Es weitet sich aus auf jeden selbstbewusst daherkommenden sächsischen Mann. Ein kaum merkliches Kopfeinziehen stellt sich ein, aus Angst, einen rassistischen Kommentar oder gleich das Deutschlandlied aufzuschnappen und den Arsch zum entschiedenen Widerspruch hochkriegen zu müssen. Ich ärgere mich darüber – als hätte ich ein Recht auf einen unbescholtenen Alltag. Ich ärgere mich darüber, dass ich manchmal froh bin, keine Migrantin zu sein und als Lesbe, Feministin, Antifaschistin meistens nicht erkennbar. Die Dämme brechen überall, und meine ängstliche Defensive, die ich mit so vielen Leuten und vor allem Institutionen teile, ekelt mich an. Unter der jetzigen russischen, polnischen, ungarischen, türkischen, brasilianischen Regierung und deren Exekutivorganen haben Leute wie ich jeden Grund, den Kopf einzuziehen – ich habe ihn noch nicht.
Die Zeiten werden dunkler, sie färben sich von den Rändern her ein. Manchmal kann ich das wegwischen wie einen Schleier, den unbestimmten Druck eines Alptraums, der morgens verschwunden ist. Manchmal geht das Grauen nächtelang nicht weg, die Frage, wie die Welt in zwei, fünf, zehn Jahren aussieht.
Es ist ein altes Grauen. Als Kind bin ich manchmal aufgewacht und hatte fürchterliche Angst vorm Tod: eine Angst, die durch kein Spielzeug, kein Buch, keinen schönen Gedanken zu beschwichtigen war. Auch am Tag überfiel sie mich gelegentlich, sie schob sich zwischen mich und die Anderen wie eine durchsichtige Wand, die die Sinne und die Verständigung mit ihnen beeinträchtigte. Alles war normal, die Sonne schien auf den Pausenhof und in meiner Hand lag ein Brot mit Margarine und Käse, in das man ein Loch bohren konnte oder auch nicht, und ich biss hinein und spürte am Gaumen eine nachgiebige, geschmacklose Masse, die keinen rechten Sinn ergab. Die Angst hallte wider in mir, ich war ganz ausgefüllt davon, ganz ausgeleert, und abends würde sie lauter werden, nicht mehr übertönt von Gesprächen, auch nicht von Fernseher und Radio. Am Tag wartete die Angst in den Zimmerecken, ein feiner, höhnischer Riss durchzog den Himmel, wahrnehmbar nur für mich: Egal wie freundlich die Dinge aussehen – alle Menschen müssen sterben und werden im Sarg liegen und verfaulen. Warte nur, heute Abend wirst du wieder Angst davor haben.
Was hier so metaphysisch anmutet, war wohl eine frühe Variante des Zweifels, in der Welt am Platze und willkommen zu sein: als diejenige, die ich nun einmal bin. Diese Gewissheit ist die Grundvoraussetzung nicht nur für ruhigen Schlaf und unbeschwerten Pausenbrotverzehr, sondern überhaupt für die Beschäftigung mit der Welt, für Neugier, Genussfähigkeit, auch für Streitbarkeit. Ein paar Jahre lang war ich in der schönen Situation, diese Zuversicht aufbringen zu können: Ich glaubte, leidlich verstanden zu haben, wie diese Welt funktioniert und wo ich meinen Platz darin finden könnte, zwischen den Dingen und unter den Menschen.
Die Zuversicht begann im Sommer 2015 zu bröckeln, als ich die Flüchtlinge mit Sack und Pack und wund gelaufenen Füßen in Hamburg ankommen sah. Ihr Elend, das so unverdient war wie mein eigenes ökonomisches Wohlergehen, warf die alte Frage nach dem Bösen in der Welt wieder auf. Wann würde es mich erreichen? Wann würde sich die mühsam errungene Zuversicht als die grobe Illusion entpuppen, die sie immer gewesen war – ich hatte es doch gewusst?! Das Unbehagen äußerte sich in einer wilden Angst vor terroristischen Anschlägen, die mich einige Monate lang begleitete und jeden Anschlag sorgfältig notieren ließ, um wenigstens im Kopf Ordnung zu schaffen. – Dann kamen der Brexit, Trump, Chemnitz. Und seit einigen Monaten spukt die sächsische Landtagswahl durch meine Nächte, die im Herbst ansteht und das Umkippen ins Barbarische beschleunigen wird. Mit mir im Bett liegen Dresdner Bürger, die, als es um die Seenotrettung Geflüchteter ging, Absaufen! skandierten.
In diesen Tagen fällt es mir schwer, meinen inneren Angsthaushalt, der mein Verhältnis zur Welt entscheidend prägt, von den politischen Verhältnissen zu unterscheiden. Oh ja, es gibt objektive Gründe, Angst zu haben und dieser Angst entgegenzutreten – mit Kritik und dem, was sich Zivilcourage nennt. Es bleibt, die politische Sorge von der subjektiven, psychologisch zu erforschenden Angst zu trennen. Ich dulde keine Dresdner Bürger in meinem Bett! Und doch sind es auch meine ureigene Angstneigung und die damit einhergehende Irritierbarkeit, die mich als Kritikerin ausmachen.

Auf dem Nachhauseweg vom Bäcker sehe ich die Risse am Himmel sehr deutlich. Zum Glück sind‘s noch ein paar Stunden bis zum Abend; der Tag liegt vor mir und die zwei Brötchen in meiner Papiertüte sind sogar noch ein bisschen warm.

Jürgen und die Liebe

Mein Kollege, nennen wir ihn Jürgen, will zum Islam konvertieren: Das ist der Anlass dieses Texts, dieser Fakt und meine Fassungslosigkeit darüber.
Ich mag Jürgen gerne. Aufmerksamen Leserinnen dieses Blogs kann er als langjähriger Leiter eines Dolly-Buster-Erotikmarkts in Erinnerung gerufen werden, der 51-jährige Kollege, der mich allmorgendlich mit nach Sachsen-Anhalt nimmt, wo wir – Quereinsteiger alle beide – Integrationskurse für syrische, afghanische, somalische und eritreische Geflüchtete unterrichten. An eine Kursteilnehmerin, eine syrische Physiklehrerin Mitte zwanzig, die mich auf dem Gang stets freundlich anlächelt, hat Jürgen sein Herz verloren. Und weil es nun mal Hanans Religion und Kultur ist: das Kopftuch, das Alkohol- und Schweinefleischverbot, das Gelöbnis vorm Imam und das fünfmalige tägliche Gebet, ist Jürgen gewillt, all das auf sich zu nehmen, um – ein knappes Jahr nach der Trennung von seiner Frau – Hanan zu heiraten und eine neue Familie mit ihr zu gründen. Das ist der schnöde Fakt.
Als Jürgen mir nebenher mitteilte, dass er sich seit Neustem von Leberwurstbroten fernhält, um islamischen Richtlinien zu genügen, war meine Reaktion dramatisch. Nachdem er mir endlich glaubhaft versichert hatte, dass er mich nicht grotesk auf den Arm nimmt, brach ich in Tränen aus:
Du willst dich ernsthaft dieser Religion in den Rachen werfen, über deren Auswüchse wir uns immer lustig gemacht haben?
Du kannst dich jetzt auch über mich lustig machen. Sie darf nun mal keinen Mann haben, der kein Moslem ist.
Und du willst in diese Moschee gehen, von der wir oft gehört haben, dass der Imam fanatisch ist und selbst den Teilnehmern zu verrückt?
Ich muss ja nur einmal hin, um das Bekenntnis zu sprechen.
Und wenn ihr Kinder bekommt und wenn es Mädchen sind, willst du die dann verschleiern?
Klar, nickte Jürgen. Es sei nun mal Hanans Religion.

Ich kann ihm dieses neue Glück nicht gönnen: Alles daran ist falsch in meinen Augen. Ich kann das Persönliche an dieser Entscheidung kaum gelten lassen: Jürgens Unglück über sein Alleinsein, das Getrenntsein von seinen Kindern; seine Sehnsucht, wieder mit einer Frau zusammenzuleben; die naive Aufrichtigkeit, mit der er Hanan und sich selber ein schönes Leben bereiten will, wofür er gerne ein paar Einschränkungen auf sich nimmt. Macht ja Sinn, in seinem Alter langsam das Saufen sein zu lassen; seine Exfrau mochte das auch schon nicht gern. Und all die Köstlichkeiten mit Rind und Lamm, die Hanan ihm vorsetzt …
Ich kann das Persönliche nicht gelten lassen, weil die politischen Faktoren in Jürgens Entscheidung eine so große Rolle spielen. Zum einen: das Patriarchat, Jürgen, das du nicht siehst, wofür ich dir ins Gesicht springen könnte. Dass es so leicht möglich ist, dass ein Fünfzigjähriger seine Frau verlässt, weil die Zärtlichkeit fehlt, dass er sich eine eigene Wohnung nimmt und es völlig selbstverständlich ist, dass die Exfrau sich fortan alleine um die beiden Kinder im Jugendalter kümmert; ja, dass Jürgen noch beleidigt ist, weil seine Kinder nichts mehr von ihm wissen wollen und sich auch für seine neue Liebe nur wenig interessieren. Natürlich zahlt er Unterhalt, und sie kommen zu ihm, wenn sie neue Sneakers wollen oder sturmfreie Bude. Die Vierzehnjährige hat er auch mehrmals im Krankenhaus besucht, weil sie neuerdings komische psychosomatische Symptome hat. Klar kümmert er sich; für die Familie tut Jürgen alles. Aber hat er nicht ein Recht auf Liebe? Verständlich, dass er sich lieber auf die Neue konzentriert und die zukünftigen Kinder.
Zum anderen: der Islam, Jürgen, alter Ossi, ehemaliger NVA-Offizier, Atheist ein Leben lang, der sich vor einer Weile noch mit mir zusammen über den Fastenwahn und den religiösen Moralismus unserer Kursteilnehmer mokiert hat. Und jetzt, nach dem Chaos des letzten Jahres, unterwirft er sich selbst diesem autoritären System, von dem er sich ein geordnetes und erfülltes Leben erhofft, sofern er nur an die Regeln einhält. Bei allem Verzicht auf Leberwurst und Feierabendbier scheint ihm die Unterwerfung leichtzufallen, denn Jürgen – anders als ich weder weiblich noch homosexuell – hat nicht viel zu verlieren. Im Gegenteil, er kriegt eine neue, junge Frau, die zwar eine höhere Schulbildung hat und berufstätig war; aber es hört sich so an, als wurde ihr die Aufopferung für die Familie gründlich eingetrichtert. Hanan wohnt mit ihren drei Geschwistern zusammen, mit denen sie geflüchtet ist, und werde, wie Jürgen erzählt, von ihrem großen Bruder tyrannisiert, der im Haushalt keinen Handschlag tue, Hanan und ihrer Schwester aber genau vorschreibe, was sie anzuziehen und wann sie das Haus zu verlassen haben. Der Bruder fühle sich hier in Deutschland als Stellvertreter des Vaters. Ich vermute, er will die Schwestern sowohl vor moralischer Verwahrlosung wie auch vor der sehr realen rassistischen Belästigung durch die Sachsen-Anhaltiner schützen, und führt sich dabei wie der größte Pascha auf. Die beiden Frauen hätten wohl schon überlegt, ins Frauenhaus zu gehen; bis Jürgen kam und Hanan seine Liebe gestand.

Ach, die Verhältnisse sind verwickelt und überschattet von meiner Enttäuschung. Ich mag Jürgen doch gerne, jeden Morgen setzt er mir Kaffee vor und ich weiß, dass er ein weiches Herz hat und auf der Arbeit von denselben Dingen genervt ist wie ich. Jürgen ist ein angenehmer Teil meines Alltags; obwohl er seit seiner Trennung allzu sehr dazu übergegangen ist, mich als verständnisvolles Ohr zu adressieren und dabei sehr viel zu reden. Sein Anspruch nicht nur auf Liebe, sondern auch auf das Ohr einer Frau erstaunt und ermüdet mich.
Freilich vermute ich, dass der liebe Jürgen sich an den verwickelten Verhältnissen noch die Zähne ausbeißen wird. Schon jetzt ärgert ihn, dass er im Laufe der Verlobungszeit Hanans Haar noch nicht zu sehen bekommen hat. Lediglich ein Foto mit Kussmund, Mähne und moderatem Ausschnitt hat sie ihm geschickt. Stolz zeigte Jürgen das Foto mir und einer anderen Kollegin – bei geschlossener Lehrerzimmertür, denn Hanan habe ihm geschrieben, das sei eigentlich verboten.
Die Whatsapp-Konversation war mit „Schatz“ übertitelt. Wie gut, dass Jürgen Hanan, als ihr Deutschlehrer, die Bedeutung der Worte und der Verhältnisse in Deutschland stets erklären kann.
Was ist, wenn deine kleine muslimische Tochter keinen Bock aufs Kopftuch hat, Jürgen, wenn sie auf Gott pfeift und sich für Punk interessiert oder für Frauen? Ich wünsche dir die Auseinandersetzung damit, ich wünsch sie dir von ganzem Herzen. Und Hanan wünsch ich sie, und vor allem eurer Tochter.

Status quo

Vormittags allein im Café sitzen, eine Frau Anfang dreißig, ungestört lesend und vor mich hin fabulierend, mit Lust aus einem kulturellen Reichtum schöpfend, der mir ohne große Mühe zugänglich ist, nur vage im Hinterkopf: die Lohnarbeit, die politische Lage, eilige Dinge – stundenlang dort sitzen, ohne über das Geld für einen zweiten, dritten Kaffee nachzudenken – das alles wenigstens ab und zu –: ein Status quo, der nicht immer gut ist, aber mir lieb, vertraut, außerdem oft produktiv und so viel mehr, als der globale Durchschnitt, zumal der weibliche, sich an Müßiggang erlauben kann.

Unruhig aufsehen, wenn schwer bepackte Hausfrauen, wenn Polizisten vorübergehen, als wäre er schon wieder eine Anmaßung, dieser Status quo; den Kaffee bezahlen, das Heft zuklappen, Heft, Buch, Zeitschrift einstecken, mich ins Schaltuch verziehen und denken:

Mit Zähnen und Klauen will ich ihn verteidigen.

Wisentgebiet

Mein Lieblingstier ist der Wisent. Ich begegnete ihm zuerst in einem kühlen Frühjahr im äußersten Osten Polens, wo der letzte Rest europäischen Urwalds steht. Mittlerweile hat die polnische Regierung, die auf konsequente Naturbeherrschung setzt, große Teile davon abgeholzt. Aber damals standen sie noch unter Schutz: Linden und Eichen, dazu recht kahles, moosbewachsenes Unterholz, und an den Waldrändern befanden sich Schilder mit der Aufschrift Uwaga! Kraina Żubra, „Achtung, Wisentgebiet“.
Wir kamen nachts im Städtchen Białowieża an, nach vielen Stunden Autofahrt; unterwegs war uns kein Wisent begegnet, sondern Wald, Wald, tiefe Dunkelheit und ein Elch, der sich unwillig vom Scheinwerferlicht wegdrehte. Nur eine dünne rote Blechwand – ein Gehäuse mit vier Menschen, verbrauchter Luft und Kekskrümeln – trennte uns von diesem Übermaß an Natur. Zehn Kilometer weiter östlich lag die Außengrenze der EU. Białowieża bestand aus einer Handvoll Häusern, eins davon war die Jugendherberge, wo ausgestopfte Tiere herumstanden und weich gefederte Betten einen verschlangen. Vor der Tür und vor den Fenstern stand eine schwarze Wand, hinter der es leise rauschte, raschelte und pfiff. Unser Nachtspaziergang führte nicht weit, es war zu unheimlich dort draußen.
Am Morgen erinnerte der polnische Urwald eher an den Leipziger Auwald als an einen märchenhaften Finsterwald. Eine pensionierte Deutschlehrerin namens Frau Maria führte uns herum, hielt ihre Handtasche sehr gerade und referierte Sachkundiges: Hier sehen Sie eine hundert Jahre alte Linde, hier ein braunes, weil eisenhaltiges Flüsschen, hier den Platz, wo viele Partisanen erschossen wurden, und dort eine Gruppe junger Eichen … Als wir von der Tour zurückkehrten, hielt uns ein Rentner mit roter Säufernase selbstgeschnitzte Holzwisente entgegen; ich kaufte eins. Nein, sagte Frau Maria, als wir auf die Uwaga!-Schilder zeigten: Wisente gebe es in diesem Bezirk nicht mehr, dazu müssten wir einen anderen, als Nationalpark deklarierten Teil des Waldes besuchen. In diesem Moment reifte es in mir zu einem festen Vorhaben, die Wisente zu sehen.
Es bleibt zu erwähnen, dass der Zweck dieser Reise darin lag, verschiedene Konzentrationslager zu besichtigen und dabei Informationen für zukünftige Bildungsreisen zu sammeln. Wir hatten die Vernichtungslager Treblinka und Sobibór im polnischen Hinterland besucht, von denen die Leute im benachbarten Plattenbau nichts wussten. Bełżec und Majdanek standen uns noch bevor, ebenso – als krönender Abschluss – die Renaissancestadt Zamość, der Geburtsort Rosa Luxemburgs. Abgesehen von Zamość hielt ich diesem Programm nicht gut stand. Aus historischem Pflichtgefühl als deutsche Linke setzte ich mich diesen Orten aus und überforderte mich und warf mir meine Überforderung vor. Ich will an dieser Stelle nicht versuchen, die richtigen Worte für diese Erfahrung zu finden. Wenn ich jetzt, sieben Jahre später, an unsere Reise zurückdenke, fällt mir neben der Überforderung auf, dass etwas Jugendliches, fast Träumerisches in der Erinnerung liegt, wie wir mit dem kleinen roten Micra – Supermicra genannt– über die schlechten Straßen gebrettert sind. Ich war Studentin, noch nicht in erster Linie Arbeitnehmerin; der gesellschaftliche Rechtsruck war noch nicht unignorierbar präsent und Polen noch nicht so stracks auf dem Weg in den Autoritarismus wie heute. Der EU-Beitritt lag nicht lange zurück, 2008 hatte die Warschauer Polizei zum ersten Mal konsequent einen Christopher Street Day beschützt, vor Nazis wie vor stockschwingenden katholischen Omas, und viele hatten Hoffnung. Das änderte natürlich nichts daran, dass es arg war, die Überreste der nationalsozialistischen Vernichtungslager zu sehen; ich fror sehr viel auf dieser Reise. Aber es war gut, am Tag nach dem Ausflug mit Frau Maria den Wisenten zu begegnen.
Der Wisent ist kleiner als der nordamerikanische Bison, er hat einen mächtigen Kopf, einen beeindruckenden Buckel und fällt dann nach hinten etwas ab. Er hat große Nasenlöcher, aus denen es leise schnaubt, und ist wunderbar zottig. Sofern ein Wisent-Kuh-Gemisch vorliegt, ist er größer, noch zottiger, fast schwarz und heißt żubroń. Diese Wisentkühe, die das Potenzial zu einem robusten, nahezu anspruchslosen Nutztier haben, sind das Allerschönste: stark gebaut, mit mächtigem, hübsch gehörntem Schädel. Beide, żubr wie żubroń, verständigen sich mit Rülpslauten und kauen schnaufend Gras und Heu in sich hinein. Die schönen Tiere eignen sich sehr gut, um Eigenschaften wie Geduld, Toleranz, Gemütsruhe zu illustrieren, empfand ich, knöcheltief im feuchten Waldboden versinkend. Laut Frau Maria fressen Wisente am liebsten Buschwindröschen.
Das Andere, was mich am Wisent melancholisch macht, ist die Verletzlichkeit der Art. Der Wisent ist eigentlich ein ausgestorbenes Tier, das nur dank einigen in Zoos und Wildparks erhaltenen Exemplare erhalten blieb und wieder ausgewildert werden konnte. Solchermaßen rückgekehrt, stehen sie im Białowieża-Nationalpark herum und käuen wieder: schön, massiv, etwas unter Inzucht leidend, aber gleichwohl stabil. Im Angesicht eines Wisents zu zweifeln und zu schwanken ist fast nicht möglich. Ich verließ Białowieża mit einem warmen Gefühl.
Drei Tage später war alles überstanden. In Zamość logierten wir in einem kleinen Bungalow, ich schlief direkt unterm einzigen Fenster, das weit offen stand, und befand mich wohl. Ich hatte meinen Holzwisent im Gepäck, und Mona hatte mir versichert, dass zu Hause im Wildpark ebenfalls Wisente stünden.

Sehr schön

Ich fahre als Prüferin für den Deutschtest für Zuwanderer nach Magdeburg: samstagmorgens halb fünf, mit der kalten grauen Klammer ums Herz, die ich seit einiger Zeit habe, wenn ich Leipzig Richtung Provinz verlasse. Und auch diesmal täuscht sie mich nicht. Die Taxifahrerin, die mich nach meiner Zugverspätung zum Prüfungszentrum kutschiert, kommentiert: Ach, in diese komische Schule wollnse … Na, Sie wissen schon. Ja, ich weiß schon. Zum ersten Mal in Magdeburg? Ich sag‘s Ihnen gleich, mit der Innenstadt isses nich weit her, die is noch in der Nacht vom 16. Januar 45 in Grund und Boden gebombt worden.
In der mündlichen Prüfung sind die Teilnehmer freundlich und aufgeregt wie immer: siebzehn unbekannte Schicksale. Eine besticht mein Germanistinnenherz (von dem sie nichts weiß) mit der Auskunft, sie lese Goethe auf Arabisch, das finde sie sehr schön. Eine Andere berichtet, dass sie als Arabischlehrerin für kleine Kinder arbeiten will, und wegen ihrer strengen Verschleierung und ihrer zornigen Augenbrauen habe ich dabei kein gutes Gefühl. Zwei Leute, die ein Picknick zusammen planen sollen, streiten sich, ob es Alkohol geben soll, beide mit etwa gleich großer Vehemenz; bis der Abstinenzler mit den Achseln zuckt und großmütig sagt: Ich trinke Cola, du trinkst Bier, egal!
Ein Anderer schluckt und bekommt rote Augen, als meine Kollegin nach seiner Heimatstadt fragt: Afrin. Seit Tagen sei jede Verbindung abgebrochen, er wisse nicht, ob seine Eltern noch leben. Meine Kollegin und ich sehen uns an, dann fragt sie nach seinem beruflichen Fortkommen und er antwortet, er sei Dönermann im Hauptbahnhof, das sei sehr schön. Als er das Picknickgespräch mit seinem eritreischen Mitprüfling führen soll, dem einzigen Schwarzen in der Gruppe, würdigt er ihn keines Blicks.
Und alle erklären Magdeburg für sehr schön: viele Kirchen, viele Kinos, viele Sehenswürdigkeiten und Fluss Elbe. In der Pause erzählt die Vertreterin des Prüfungszentrums, es sei schon schlimm hier mit der Fremdenfeindlichkeit. Nicht nur die Leute, die mit der Bierflasche vorm REWE stehen und Kopftuchträgerinnen beschimpfen – sie selber werde, wenn sie mit einem schwarzen Freund durch die Straße gehe, regelmäßig als „Negerschlampe“ tituliert, vor allem von älteren Leuten, und sogar beim Arzt hätten sie erschrocken gefragt, ob der jetzt mit ins Wartezimmer kommen müsse. Sie habe ihn draußen warten lassen. Die denken halt nicht nach, sagt sie.
Montag, du kannst mich mal!, steht auf einer Postkarte, die über ihrem Schreibtisch hängt. Ich fahre durch den sonnigen Samstagnachmittag zurück nach Leipzig und versuche zu schlafen. Zwei Freundinnen feiern heute Abend ihren Geburtstag, das wird bestimmt sehr schön, ich will doch nicht todmüde sein.

Pöbel spielen

Ich singe sehr gern Chorstücke, in denen Aggressivität verhandelt wird. Zum ersten Mal wurde mir das angesichts bestimmter Renaissance-Lieder bewusst: etwa Mein Lieb will mit mir kriegen von Hans Leo Haßler. Darin ist von Liebesstreit die Rede, geführt mit fliegenden Fahnen, spitzen, herzblutgetränkten Pfeilen und zornglühendem Gemüt. Ähnlich ging es mir mit dem Spiritual The Battle of Jericho, den der amerikanische Komponist Moses Hogan zu einem höchst kriegerischen Satz gestaltet hat. Fernab der bloß allegorischen Andeutung reckt Joshua darin sehr anschaulich den Speer und bläst die Posaune, bis – krach – die Stadtmauern fallen, mutmaßlich Männer, Frauen und Kinder unter sich begrabend, und das Volk Gottes mit treibenden Rhythmen und einem alle Stimmen durchziehenden Triumphgeschrei in Jericho einzieht.
Am deutlichsten wurde mir mein Faible für Militanz im Chorgesang beim Paulus von Felix Mendelssohn-Bartholdy, einem Oratorium, das den Werdegang des Apostels Paulus darstellt. Anfangs ist Paulus ein Jerusalemer Schriftgelehrter, der sich in der Verfolgung der christlichen Minderheit hervortut. Er erscheint als gerichtlicher Zeuge bei der Steinigung des Predigers Stephanus, die das von Paulus aufgehetzte Volk fordert: „Weg mit dem! Er lästert Gott, und wer Gott lästert, der soll sterben!“ Die moralische Entrüstung steigert sich zum geeinten, vielmals wiederholten Ruf: „Steiniget ihn! Steiniget ihn!“, worauf der Tenorsolist lapidar informiert: „Und sie steinigten ihn.“
Es macht großen Spaß, mit voller Stimmkraft das aufgerührte Volk zu geben, es bereitet mir eine Lust, die ich als kathartische Wirkung des Pöbel-sein-Dürfens bezeichnen würde. Als ich das Stück mit meinem Hamburger Rentnerchor einstudierte, erschien vor meinem inneren Auge tatsächlich ab und zu die Bevölkerung Springfields mit gereckten gelben Fäusten. Der unverstellte Rückgriff auf Gewalt in diesen alten Geschichten hat etwas Faszinierendes, über das die Moralistin und Menschenfreundin in mir den Kopf schüttelt. Im Fall des Paulus geht es um die Wandlung eines Christenschlächters zum frommen Apostel, der sich dem Pöbel entgegenstellt, auf die Kraft der Liebe und des heiligen Worts vertrauend. Dennoch ist die Gerichtsszene genauso farbig und eindrücklich ausgestaltet wie später die Szene, in der ein anderer uneinsichtiger Heidenpöbel, wiederum den Herrn Jesus verleugnend, mit zärtlicher Melodie singt: „Seid uns gnädig, hohe Götter.“ In Schönheit, Anschaulichkeit und Länge stehen sie den christlichen Chören und Chorälen nicht nach. Mendelssohn, scheint es, hatte seinen Pöbel ziemlich gern. Ob er wohl eine kathartische Wirkung dieses Werks auf die bürgerliche Zuhörerschaft beabsichtigt hat?

Als Studentin bekam ich große Ohren, als Christoph Türcke in seiner Vorlesung von der Reinszenierung des Schreckens sprach, die aller Ästhetik zugrunde liege. Am Anfang der Kulturgeschichte stand das Bedürfnis, Zwang, Not und Gewalt, denen die Menschen in ihrer feindlichen Umwelt ausgesetzt waren, in eine halbwegs erträgliche Form zu bringen. Die Wiederholung des Schreckens mit menschlichen Mitteln, z. B. in Ritualen oder Anrufungen, hegt den Schrecken ein. Das kann helfen, das Trauma der realen Gewalt zu verarbeiten, indem es diese reale Gewalterfahrung noch einmal aufruft, aber unter abgeschwächten Bedingungen: Das Individuum, das einem Schauspiel oder einem chorsinfonischen Werk beiwohnt, weiß, dass es sich dabei um fiktionale Steinigungen handelt, und dass man, aller Ergriffenheit ungeachtet, am Tag nach dem Konzertbesuch früh aufstehen und arbeiten gehen muss.
Romantische Kunst lädt ein, sich der ästhetischen Illusion in hohem Maße hinzugeben; dennoch ist hier die Distanz zum realen Trauma weit fortgeschritten. Die Steinigung des Stephanus, die Paulus‘ Ausgangslage illustriert, muss der zeitgenössischen Zuschauerin als archaische Kuriosität erschienen sein, als romantische, zum Kunstgenuss einladende Kulisse – anders, als es bei einer Aufführung im heutigen Iran der Fall wäre, wo nach Scharia-Recht Steinigungen vollzogen werden. Dabei bleibt in der romantischen Kunst die Absicht unverkennbar, das reinszenierte Leiden in den Sinnzusammenhang der bürgerlichen Gesellschaft zu stellen. Paulus‘ religiöse Wandlung geschieht auf irrationaler Grundlage – Gott offenbart sich ihm –, macht ihn aber zum eigenständigen Bürger, bereit, für seine individuellen Überzeugungen einzustehen, und darin als Vorbild dienend.
Mendelssohns Darstellungen des enthemmten Pöbels spielen mit der blutigen Geschichte, sie kosten ästhetisch aus, was durch die biblische Quelle legitimiert ist. Die Erregung, die damit ausgelöst wird, ist abgemildert, Türcke zitierte dazu Rilke: „Das Schöne ist nur des Schrecklichen Anfang / den wir noch grade ertragen.“ Wir haben es also mit einem lustvollen Bezug zur Aggressivität zu tun, der darum weiß, dass Liebeskummer, Massaker und Steinigungen keine vergnüglichen Ereignisse sind; aber das anvisierte Publikum kann sich genügend historische, fiktionalisierende, über die Musik vermittelte Distanz leisten, um diese Schrecklichkeiten zu genießen.
Dass es darauf ankommt, den Schrecken in die eigene Regie zu nehmen, weiß ich als Feministin schon lange. Der destruktivste Weg, mit Aggressivität umzugehen, besteht darin, sie zu verleugnen und abzuspalten, wie Frauen es im Patriarchat seit jeher tun müssen. Kleinen Mädchen wird (mehr oder weniger subtil) beigebracht, ihre aggressiven Regungen zu unterdrücken, bis sie kaum mehr wahrgenommen werden. Keinesfalls darf die Aggressivität nach außen getragen werden, wo sie mit den Bedürfnissen anderer Menschen und der Institutionen, in denen man verkehrt, dialogisch vermittelt werden könnte. Genau das wäre ein sehr notwendiger Lernprozess nicht nur in Sachen Frauenemanzipation. Aggressivität, als emotionaler Grundbestand, muss kultiviert statt plump verboten werden – genau wie Sexualität oder der Konsum von Rauschmitteln. Diese Kultivierung steht nicht nur im Interesse der gesellschaftlichen Disziplinierung der Individuen (wo sie immer Gegenstand von Gesellschaftskritik sein muss), sondern auch im Dienst des Genusses.
Im unkultivierten Zustand ist Aggressivität zerstörerisch und ziemlich ungenießbar. Anders verhält es sich mit sublimierter, ins musikalische Werk gegossener Aggressivität. Sie ist kontrolliert – um wie viel mehr noch in einem sechsstimmigen Mendelssohn-Satz als in Pop und Rock –, sie kann beliebig aufgerufen und genossen werden und läuft dabei nicht aus dem Ruder. Im schlechteren Fall nimmt der Kunstgenuss der eigenen Aggressivität den Stachel, die Wucht, mit der sie sich auf den bevormundenden Mann, die Arbeitgeberin, den Staat richten müsste. Mir drängt sich ein Bild von einem Lohnabhängigen auf, der nach getaner Arbeit mit überhöhter Geschwindigkeit und wummernden Bässen nach Hause fährt, vielleicht das einzige kleine Freiheitsgefühl in seinem Alltag. – Im besseren Fall werden über die Kunst Erfahrungen und Erkenntnisse vermittelt, die über das Alltagserleben von Aggression allein nicht möglich gewesen wären, zumindest nicht in diesem Reichtum von Empfindungen, Impulsen, Assoziationen.

Haßler, der Renaissance-Komponist, lenkt die Aggressivität in seinen Liebesliedern, indem er Teile des Chors energisch gegeneinander führt. Mein Lieb will mit mir kriegen hat eine doppelchörige Struktur, ähnlich wie der Doppeltitel Ich brinn und bin entzündt gen dir / Brinn und zürne nur immerfort. In beiden Liedern gehen zwei Parteien, offensichtlich ehemals Liebende, in flammender Wut aufeinander los und machen der anderen ihre Gekränktheit zum Vorwurf. Bemerkenswert ist, dass es in diesen Liebeshändeln keine ordentliche Konfliktlösung gibt, keinen Kompromiss, der sich an irgendeinem vernünftigen Maßstab orientieren würde. Ich brinn und bin entzündt lässt der Anklage die Antwort folgen, dass Zorn und Hass ebenso herzlich erwidert werden: „Achtst du dann nichts mein Lieb und Gunst, acht ich viel minder dein Zorn und Brunst. / So brinn und zürne, so lang du wilt, dann mir eins wie das ander gilt.“ In Mein Lieb will mit mir kriegen kapituliert die anfangs siegesgewisse männliche Partei und unterwirft sich: „Ich bitt, schenk mir das Leben, dein G’fangner will ich sein.“ Dieser gewissermaßen voraufklärerische Zustand der Liebe, der vom feministischen Standpunkt keinesfalls zu wünschen wäre, ist zur Ableitung und zum Auskosten eigener Affekte sehr geeignet.
Im Paulus hingegen findet sich der Chor, wie beschrieben, zu einem prächtigen Lynchmob zusammen, einem skrupellosen Kollektiv. Der Logik des Steinigens entsprechend, ist es am Ende keiner gewesen: wieder eine antiindividualistische und recht unvernünftige Haltung, die politisch nicht wünschenswert, aber in einigen Weltgegenden furchtbare Realität ist. Aber beim Singen dieser Partien ergibt sich die sinnlich-körperliche Erfahrungsmöglichkeit, guten Gewissens Pöbel zu spielen. Eine seltene Möglichkeit: Teil eines Pöbels zu sein, der auf Angehörige einer verfolgten Minderheit losgeht, ist im moralischen Horizont einer Linken zu Recht tausendmal tabuierter als Liebesschmerz.

Alte Damen gegen Guerilla Knitting

„Meine Freundin, die strickt und strickt, aber da lohnt sich’s ja, die hat sechs Enkel.“
„Neulich war im Fernsehen so ‘ne Verrückte, die hat ihr Auto umstrickt. Jetzt fährt se damit rum.“
„So was ist doch pervers. Jetzt umstricken se alles, ooch Bäume.“
„Ja, die schönen Bäume! Ich habe früher viel gestrickt, jetzt bin ich zu kaputt dafür.“
„Ich hab mir zuletzt die Fäustlinge gemacht, gucke.“
„Und die Verrückte, ham se gesagt, die strickt jetzt den Innenraum aus.“

Excusez-moi

Es gibt keine neuen Blogbeiträge und kaum Zeit für Vorträge außerhalb Leipzigs. Das liegt daran, dass ich an einem Sammelband namens Feministisch streiten arbeite, der im Frühjahr 2018 im Querverlag erscheint. Bis dahin bin ich mit meinem entstehenden Buch verheiratet. Neben Lohnarbeit, Repro und den nötigen Vergnügungen wie Disco, Kneipe, Plenum ist das eine anstrengende Lebensart. Aber auch eine befriedigende: Die theoretische Leidenschaft, links und rechts neben dem Laptop eine schlummernde Katze, ist nicht die schlechteste.