Polittexte 2008-2018

Nach längerem Zögern habe ich mich entschieden, auf diesem Blog auch meine politischen Texte zu versammeln. Diese Texte weiterhin parat zu haben, halte ich für eine gute Sache: zum einen, weil ich mir nun einmal die Mühe gemacht habe und die meisten Ausführungen nach wie vor richtig und wichtig finde. Zum anderen will ich sie möglichen Interessentinnen zugänglich machen, z. B. Besucherinnen meiner feministischen Veranstaltungen, die sich weiter informieren wollen.

Die meisten meiner politischen Texte behandeln feministische Themen. Der feministische und der literarische Ehrgeiz sind meine beiden Flammenschwerter tragenden Begleiter, die mal getrennt, mal gemeinsam auftreten. Seit 2008 veröffentliche ich in verschiedenen Zeitschriften Artikel zu feministischer Theorie, teils zusammen mit einer Genossin oder mit meiner ehemaligen Gruppe mfg [meine frauengruppe].
Was der Feminismus für mein literarisches Selbstverständnis bedeutet, ist eine Frage, die nie an Dringlichkeit und Reiz verliert. Ich habe dafür folgende Formulierung gefunden, die als Autorinnenporträt unter meinen neueren Polittexten steht: Koschka Linkerhand ringt um einen materialistischen Feminismus in Theorie, pädagogischer Praxis und schöner Literatur. Was in diesem Satz schmissig zusammengeht, ist nur schwierig auf einer einzigen Plattform zu realisieren. Doris Lessing schreibt in Das goldene Notizbuch, das die Geschichte der Schriftstellerin Anna Wulf in vier Notizbücher und eine Rahmenhandlung unterteilt: „Sie führt vier und nicht eines, weil sie, wie sie erkennt, die Dinge voneinander getrennt halten muss, aus Furcht vor dem Chaos, vor Formlosigkeit – vor dem Zusammenbruch.“ Anna Wulfs rotes Notizbuch handelt von Politik, der allgegenwärtigen atomaren Bedrohung und ihrer Auseinandersetzung mit der kommunistischen Partei. Ist es bezeichnend, dass alle Passagen, die feministische Leserinnen elektrisiert haben: die Beschreibungen weiblichen Alltags, weiblicher Sexualität, weiblichen Autonomiestrebens, in den drei anderen Notizbüchern stehen, nur nicht im roten?
Ich dokumentiere meine politischen Texte auf dem Linkerhand-Blog im Wissen, dass in unserer höchst arbeitsteiligen Gesellschaft keine ganze, unzerrissene Existenz möglich ist. Es wäre unsinnig, als Textproduzentin diese grundlegende Erkenntnis zu ignorieren; mir kommt es darauf an, die Konsequenzen dieser auch geistigen Differenzierung und Disziplinierung zu reflektieren und politische wie literarische Genres bewusst zu gebrauchen, aber auch auszuweisen. Daher die Überschrift Polittexte. In meinen politischen Texten bemühe ich mich in erster Linie um Klarheit und Verständlichkeit; es ist weniger Spiel und weniger Selbstbespiegelung darin. Sie sind viel mehr Gebrauchstexte, im Hinblick auf diejenigen geschrieben, die sie lesen oder hören; sie wollen in einem recht eindeutigen Sinn verstanden werden.
Hingegen verdanken sich die Texte, die ich für diesen Blog schreibe, zu einem nicht unwesentlichen Teil der Sehnsucht, dass etwas wie ein Zusammengehen von Politik, Intellekt und Subjektiv-Sinnlichem doch möglich wäre – auf literarischem Weg. Diese Sehnsucht ist in der feministischen Kritik vielfach ausgesprochen worden: dass es nämlich stets Sache der Frauen gewesen ist, die Last des Alltags zu tragen, während Wissenschaft, Kritik und Politik vorrangig von Männern bestritten werden. Die patriarchale Arbeitsteilung schneidet Männer von bestimmten, immer wiederkehrenden alltäglichen, emotionalen und leiblichen Erfahrungen ab und erlaubt ihnen dennoch, den Beitrag der Frauen zu ihren geistigen Höhenflügen geringzuschätzen. Feministinnen haben früh erkannt, dass die Identifizierung mit der männlichen Welt des Geistes, sollte sie punktuell doch gelingen, ein Verschweigen des Materiellen, der reproduktiven Nöte nach sich zieht und damit, den Erfolgserlebnissen zum Trotz, das Leben aufs Neue zerteilt.
Wie ist dieses Schweigen zu brechen, wie die Erkenntnis der zerrissenen Existenz zu artikulieren? Eine feministisch-materialistische Betrachtungsweise kann sich nicht jenseits von Spülbecken und Arbeitsamt bewegen – auch nicht, wo es ihr genuin um Literatur geht, nicht um Politaktivismus. Stattdessen fragt sie nach der subjektiven Erfahrung, die objektiven Erkenntnissen zugrunde liegen mag, oder der persönlichen Situation, die diese Erkenntnisse bedingt hat. Das müssen keine minutiösen Beschreibungen sein. Aber es muss aufscheinen, dass es all das gegeben hat: Dass sich im Falle einer Reise jemand – ich – in eine Bahn oder ein Flugzeug gesetzt hat, mit Erwartungen und Sorge im Kopf und einem Rucksack voller Bücher und geschmierter Schnitten. Dass der Freizeit, die ich ins Schreiben stecken kann, viele Stunden Lohnarbeit gegenüberstehen, die sehr viel Kraft kostet, mich aber auch auf eine Weise erdet, wie es die intellektuelle Auseinandersetzung nicht vermag. Dass in meinem Leben andere Menschen vorhanden sind, die als Gesprächspartnerinnen, Alltagsgefährten und Liebesobjekte jeder Art großen Anteil daran haben, wer ich bin und was ich denke.
Diese Verhältnisse wiederzugeben, ist das Anliegen der Blogtexte, die mithin etwas Experimentelles und auch Lustwandelndes innehaben. Sie bewegen sich auf dem Feld zwischen Essay und Fiktionalisierung von Alltagserfahrung und sind also weder Fleisch noch Fisch. Damit bin ich selbst oft unzufrieden, aber ich versuche, dieses Dazwischen auszuhalten und auszuspinnen – als eine literarische Aufgabe, die zugleich ein feministisches Projekt ist. Vielleicht kann der Feminismus, in einem sehr weitläufigen Verständnis, die goldene Klammer um alle meine Texte sein.
Während also die hier folgenden Polittexte politisch gelesen und beurteilt werden wollen, gilt das nicht für die übrigen Texte auf diesem Blog. Diese ausschließlich politisch zu interpretieren, würde den ästhetischen und inhaltlichen Anspruch literarischen Schreibens ignorieren. Ich bitte, dies zu berücksichtigen.

(März 2017)

Zündstoffe: Religionskritik. In: Siegessäule. Berlins queeres Stadtmagazin. Mai 2018.
Zündstoffe_Religionskritik

Angst und Aggressivität im Feminismus … und die Notwendigkeit, sich Objekte jenseits von Sprachpolitik zu setzen. In: Phase 2. Zeitschrift gegen die Realität #55. Berlin/Leipzig, Januar 2018.
Angst und Aggressivität im Feminismus

Für und wider Fat Positivity. In: Auswüchse – Excesses. Ein Magazin. Hrsg. v. d. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen. Leipzig, Dezember 2017.
Für und wider Fat Positivity

mit Sabrina Zachanassian: Schönes neues Egalia. Einige Ausführungen zu patriarchaler Sprache im demokratischen Normalzustand. Überarbeitet im Sommer 2017.
Schönes neues Egalia

Identitäten – Das Ende des Frauseins? In: EMMA. Das politische Magazin für Menschen 4/17. Köln, Juli 2017.
Identitäten – Das Ende des Frauseins

Treffpunkt im Unendlichen. Das Problem mit der Identität. In: Beißreflexe. Kritik an queerem Aktivismus, autoritären Sehnsüchten, Sprechverboten. Hrsg. v. Patsy l’Amour laLove. Querverlag: Berlin, März 2017.
Treffpunkt im Unendlichen

Pappkamerad Primark. Über die Grenzen der Konsumkritik. In: konkret. Zeitschrift für Politik und Kultur 2/17. Hamburg, Februar 2017.
Pappkamerad Primark

Nestbeschmutzerinnen. Zum Stand der feministischen Islamkritik. In: Phase 2. Zeitschrift gegen die Realität #53, Herbst 2016.
Nestbeschmutzerinnen

Sodom ist kein Vaterland. Rezension zu Tjark Kunstreichs Dialektik der Abweichung. In: Phase 2. Zeitschrift gegen die Realität #52, Frühjahr 2016.
Sodom ist kein Vaterland

Antwort auf eine Kritik an meinem Vortrag Das Patriarchat ist tot, es lebe das Patriarchat?!, gehalten am 29.10.2015 beim Autonomen Feministischen Referat der Uni Oldenburg. Veröffentlicht auf deren Homepage im Dezember 2015.
Antwort auf Vortragskritik Oldenburg

Material Girl. Stell dir vor, es ist Patriarchat, und keine spricht es aus. Interview mit Koschka Linkerhand und Charlotte Mohs. In: malmoe. Linke Gazette aus Wien #73, Dezember 2015.
Material Girl

„Gib auch uns ein Recht auf Leben!“ Radclyffe Halls Quell der Einsamkeit: Eine kritische Lesung über die Utopie der lesbischen Liebe. In: „Der Frau bleibt kein anderer Ausweg, als an ihrer Befreiung zu arbeiten.“ Eine Broschüre der mfg [meine frauengruppe]. Leipzig/Hamburg, Dezember 2014.
Gib auch uns ein Recht auf Leben

mit Charlotte Mohs: Natürlich gesellschaftlich? Überlegungen zu Natur, Arbeit und Geschlecht. In: outside the box. Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik #4. Leipzig, Sommer 2013.
Natürlich gesellschaftlich

Das Patriarchat ist tot, es lebe das Patriarchat?! Eine kurze Abhandlung übers Patriarchat. In: Coming soon … Hrsg. von der Initiative für Sexualität und Gesellschaft. Leipzig, April 2013.
Das Patriarchat ist tot

Hannah Arendt – eine deutsche Denkerin? Zornige Gedanken über einen Kinofilm. In: CEE IEH. Der Conne Island Newsflyer #204. Leipzig, Mai 2013.
Hannah Arendt

mit Katja Wagner: Der postmoderne Körper – „gelebter Ort der Möglichkeit“? In: Kunst Spektakel und Revolution #3. Zum Verhältnis von Kunst, Politik und radikaler Gesellschaftskritik. Hrsg. v. d. Arbeitsgruppe Kunst und Politik im Bildungskollektiv. Katzenberg-Verlag: Hamburg, März 2013.
Der postmoderne Körper

Bitterer als der Tod. Zur Tragik der Geschlechter in Lars von Triers Antichrist. In: outside the box. Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik #3. Leipzig, Herbst 2011.
Bitterer als der Tod

mit Katja Wagner: Fat Is A Feminist Issue. Oder: Ein guter Grund, Susie Orbach und die Zweite Frauenbewegung in Ehren zu halten. In: outside the box. Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik #2. Leipzig, Herbst 2010.
Fat Is A Feminist Issue

Revolutionärin im Dienst des Kindes. Nachruf auf Alice Miller. In: CEE IEH. Der Conne Island Newsflyer #179. Leipzig, September 2010.
Revolutionärin im Dienst des Kindes

Mit Messer und Axt. Dänemark und seine muslimischen Migranten. In: CEE IEH. Der Conne Island Newsflyer #175. Leipzig, April 2010.
Mit Messer und Axt

mit mfg [meine frauengruppe]: Entblößung: Pornographie. Zweiter Teil einer Auseinandersetzung mit Ausformungen des Patriarchats in nah und fern. In: CEE IEH. Der Conne Island Newsflyer #156. Leipzig, Juli 2008.
Entblößung_Pornographie

mit mfg [meine frauengruppe]: Verhüllung: Kopftuch. Erster Teil einer Auseinandersetzung mit Ausformungen des Patriarchats in nah und fern. In: CEE IEH. Der Conne Island Newsflyer #155. Leipzig, Juni 2008.
Verhüllung_Kopftuch